Als Tester von Apps lernen

Kolumne von Richard Seidl

Die Software strotzt nur so vor Funktionen, Möglichkeiten, Einstellungen, Auswertungen, Analysen – „platzsparend“ auf eine Bildschirmseite gepfercht. Eine Art Kontrollzentrum für das, was sie laut Beschreibung leisten soll – und noch mehr. Dazu ein inkonsistentes Bedienkonzept. Immer wieder Updates mit neuen Funktionalitäten, die von einem Kunden gewünscht – und jetzt von allen ertragen werden müssen. Installation und Wartung ist sowieso nur mehr durch den Hersteller möglich. Der freut sich über den Wartungsvertrag und die zusätzlichen Einnahmen durch Schulungen – denn ohne einwöchiges Training der Anwender ist die Software nicht nutzbar. Das Problem, das die Software eigentlich lösen sollte, oder der Prozess, der damit optimiert werden sollte, ist zur Nebensache geworden.

Gibt’s nicht? Doch – leider viel zu oft. Und wir Tester haben da genauso Mitschuld wie die anderen im Entwicklungsprozess. Sogar noch mehr! Der Tester ist die Instanz, die genau auf solche Missstände hinweisen muss. Die Aufgabe eines professionellen Testers kann es nicht sein, nur Anforderungen und Regeln auf ihre Einhaltung zu prüfen. Das kann ein Automat irgendwann auch. Der professionelle Tester ist der „Anwalt des Anwenders“. Der Nutzen für den Anwender muss immer im Fokus bleiben. Und dazu gehört mehr als ein Set an funktionalen Anforderungen. Zum Beispiel die meist stiefmütterlich behandelte Usability, die sich bestenfalls in Form von Absichtserklärungen und Floskeln in den Spezifikationen wiederfinden. Und dafür muss es nicht einmal ein übermächtiger Usability-Test sein. Ein Tag zusammen genügt: Prototyp, Kunde, Tester und ein Block zum Mitschreiben. So eine Zusammenarbeit hilft auch bei einem weiteren Versäumnis: dem Verständnis für die Probleme und Hintergründe der Anwender. Der Tester darf sich die Sinnfrage beim Test und in der Applikation gar nicht stellen. Er muss wissen, wofür er hier eigentlich testet, wo die Software verwendet wird, welchen Geschäftsprozess sie unterstützen soll.

Das alles ist harte Arbeit für den Tester. Neben Kreativität und der Entwicklung eines Spürsinns für die Kundenbedürfnisse benötigt er ein hohes Maß an Frustresistenz. Der Hinweis auf größere Missstände und die Etablierung von „Weitsicht“ im Test wird auf Blockaden stoßen: „Brauchen wir nicht“, „Haben wir immer schon so gemacht“, „Kümmer’ dich um die Testabdeckung, der Vertrieb weiß schon, was der Kunde möchte“, „Was das wieder kostet!“. Es ist dann wie seinerzeit bei der Einführung des Tests als eigenständige Profession. Auch hier hat die Beharrlichkeit schlussendlich gewirkt und eine gesteigerte Qualität ist der Erfolg davon.

Doch taucht jetzt am Horizont unerwartete Rückendeckung auf: Der Kunde wird anspruchsvoll! Die aktuelle Generation von Web-Applikationen sowie Mobile Apps beschränken sich oft auf das Wesentliche und die Lösung eines Problems. Die Bedienoberflächen sind einfach und klar strukturiert und die Bedienung ist ohne Schulung intuitiv möglich. Die gesamte Komplexität verschwindet in den Hintergrund. Installation und Wartung laufen fast automatisch. Und neben der „User Experience“ macht es einfach Spaß, Apps zu nutzen – was man von klassischer BusinessSoftware oft nicht sagen kann. Natürlich ist die Komplexität nicht zu vergleichen, aber der Anwender gewöhnt sich gerade an die Erfahrung, Bedienung und den fokussierten Nutzen der Apps – und verlangt dies auch immer mehr von „klassischen“ Programmen.

Es geht dabei nicht darum, althergebrachte Software in Apps zu verwandeln. Das kann nur scheitern: Man nimmt alle Probleme in eine neue Technologie mit und muss dazu noch Kompromisse eingehen. Vielmehr muss der „Geist“ der Apps in die klassische Softwareentwicklung einfließen: Software muss konzentriert die Bedürfnisse der Anwender adressieren, ihn bei seinen Aufgaben unterstützen und muss intuitiv bedienbar sein. Diesen Satz kann man sich leicht in seine Entwicklungsleitlinien schreiben. Schwer und viel Arbeit ist erst die Umsetzung. Als Tester sitzt man aber an einem machtvollen Hebel, diesen Geist auch in die eigene Software einfließen zu lassen. Jeder darf für sich entscheiden: Stück für Stück rüber über den Tellerrand – oder halt einfach weiter gegen die Anforderungen testen.

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