Aus Outsourcing wird Crowdsourcing – Aus Crowdsourcing wird Crowdtesting

von Rudolf Groetz und Stefan Schacherl

Mehr als 40 % der IT-Verantwortlichen sehen Crowdsourcing längst nicht mehr nur als Vision, sondern als eine ihrer wichtigsten Initiativen in Bezug auf die QA-Strategie ihres Unternehmens. Was vor Jahren mit der Virtualisierung einzelner Systeme begann (Cloudcomputing), entwickelt sich heute zu einem anwendungsorientierten und höchst effizienten Bereitstellungsmodell von Personalleistung.

Damit eröffnet Crowdsourcing als strategisches IT-Konzept neue Möglichkeiten. Flexibel wie nie zuvor kann entschieden werden, welche Testarten wie bereitgestellt bzw. aus Benutzersicht bezogen werden sollen.

Crowdsourcing und Crowdtesting

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die verschiedensten Testaktivitäten in der Softwareentwicklung zu besetzen. IT-Manager können Leistungen dabei auf folgende Arten beziehen:

  • Inhouse
  • Outsourcing (Nearshoring/Offshoring)
  • Crowdsourcing

Bisher wurden diese drei Arten immer als „entweder/oder“ angesehen. Aufgrund neuer Technologien und innovativer Businessmodelle ist dies nicht länger der Fall. Dieser Shift ermöglicht es fortschrittlichen Softwarefirmen, diese Entscheidung auf Projektbasis zu treffen. So können Softwareteams nun Inhouse-Know-how aufbauen, während die operative Flexibilität durch externe Profis gegeben ist.

Im nachfolgenden Artikel legen wir den Focus auf Crowdsourcing im Bereich Softwaretests, besser bekannt unter dem Namen Crowdtesting, und klären die Frage, wie diese neue Art von Ressourcenbereitstellung die InhouseRessourcen auf einen strategischen und taktischen Level ergänzen kann.

Unterschied Nearshoring/ Offshoring

Zunächst jedoch ein kleiner Exkurs zum Thema Outsourcing bzw. Offshoring und dessen Spezialform Nearshoring. Während unter Outsourcing im Allgemeinen das Verlagern von Ressourcen in externe Unternehmen verstanden wird, versucht man durch Offshoring die Kompetenzen im eigenen Unternehmen zu halten, die Arbeitskraft allerdings in andere – häufig im asiatischen Raum angesiedelte – Länder auszulagern.

Von Nearshoring wird dann gesprochen, wenn die Arbeitskraft in Länder ausgelagert wird, welche sich in unmittelbarer Nähe zum Unternehmenssitz befinden. Am Beispiel Mitteleuropas hat dies mit der Auslagerung in osteuropäische Länder stattgefunden. Wikipedia spricht in diesem Zusammenhang von Ländern, deren Grenzen sich berühren, in Europa meinen wir meistens jedoch Osteuropa.

In der Industrie ist Outsourcing (Nearshoring und Offshoring) schon seit einigen Jahren ein fester Bestandteil. Und so werden auch in der IT-Branche immer wieder Kompetenzen ins Ausland verlagert oder zumindest durch Dritte übernommen. Mit der Entwicklung moderner Wege zur vereinfachten internationalen Interaktion und Kommunikation hat sich im Bereich des Outsourcings das Crowdsourcing zu einer neuen und attraktiven Methode der Ressourcenauslagerung entwickelt. Dies sieht man auch im Quality-Assurance-(QA-)Bereich, wo Crowdsourcing unter dem Namen Crowdtesting Einzug hält.

Was ist Crowdsourcing?

Crowdsourcing setzt sich zusammen aus „Crowd“ für Masse und „Outsourcing“ für das Auslagern von Arbeit. Dieser Begriff wurde 2006 von Jeff Howe, Journalist des US-amerikanischen Wired Magazine, geprägt. In der Zwischenzeit setzen viele Unternehmen auf die Mitarbeit der Konsumenten. Ideen für neue Produkte oder neue Produktfeatures werden nicht mehr nur von den zuständigen Abteilungen entwickelt, sondern von Kunden und anderen Beteiligten.

Die Vorteile, die sich daraus ergeben, werden schnell deutlich. Schließlich setzt sich die Crowd vor allem aus freiwilligen Arbeitern zusammen, welche für das Unternehmen auf der einen Seite keine Mehrkosten verursachen, auf der anderen Seite sogar noch durch ihre Eigenmotivation die Arbeit ideenfördernd und somit auch gewinnbringend beeinflussen.

Crowdtesting

Beim Crowdtesting wird für den Testprozess auf die Arbeitskraft der Crowd zurückgegriffen. Hier wird also die Schwarmintelligenz der weltweiten Internetgemeinde genutzt, um Webseiten, mobile Apps, Games oder Enterprise-Software zu testen. Aktuelle Beispiele hierfür finden sich in sogenannten geschlossenen oder öffentlichen Betaphasen von Computerspielen, in denen die Produkte unter realen Einsatzbedingungen von einer Vielzahl späterer Endkunden getestet werden können. Hierbei werden nicht nur Fehler in der Software aufgedeckt, sondern es lässt sich auch Feedback über die aktuelle User Experience des Produkts einholen.

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Ist Crowdtesting nun Offshoring oder Nearshoring?

Die Antwort auf diese Frage lautet: Crowdtesting ist beides. Crowdtesting ist sowohl Offshoring als auch Nearshoring.

Es kommt auf die benötigte Crowd an. Ist die Zielgruppe der zu testenden Anwendung der deutschsprachige Bereich, dann ist es Nearshoring. Denn dann wird die Crowd sicher mit Testern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengestellt sein. Weist die Zielgruppe der zu testenden Applikation verschiedenartiges kulturelles Nutzerverhalten und verschiedene Sprachen auf, so kann man ganz klar von Offshoring sprechen. In dem Fall wird die Crowd verteilt über den ganzen Erdball zu Hause sein.

Treibende Kräfte hinter Crowdtesting

Heute verlangen Anwender von Apps von Beginn an funktionierende und komplette Features. Die Ära, in der man QA-Aktivitäten komplett durch Betatests ersetzen konnte, ist vorbei. Firmen, die glauben, dass bei der Frage nach Qualität und Usability die Antwort „Gut genug ist gut genug“ erlaubt sei, machen dies auf eigene Gefahr.

Es ist die Aufgabe von Führungskräften, Lösungen zu finden, die das beste Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen. Dies geschieht durch den Aufbau von Inhouse-Teams mit viel Know-how in den Kernkompetenzen. Es geschieht aber auch durch die Erschließung variabler Ressourcen mittels Crowdtesting, wenn es darum geht, in kurzer Zeit den Personalstand für ein Projekt zu erhöhen, aber gleichzeitig die Fixkosten klein zu halten.

Crowdtesting ermöglicht es Firmen, die Kreativität und Diversität einer globalen Community in Anspruch zu nehmen – einer Community hochqualifizierter Profis. Profis im Bereich Testen sowie auch Profis aus dem Fachbereich der zu testenden Applikation.

Wer könnte wohl die Usability eines BioOnlineshops besser testen als Kunden von Einkaufsportalen? Wer könnte die Registrierungsfunktion eines Online-Wettportals besser auf Gebrauchstauglichkeit hin testen als Nutzer von Wettportalen? Es müssen nicht immer ISTQB-zertifizierte Testprofis sein. In manchen Fällen ist es durchaus besser, den Mann/die Frau von der Straße mit solchen Testaktivitäten zu betrauen. Stichwort: anderer Blickwinkel, andere Erfahrungen. Geht es darum, die Security einer App zu testen, wird es notwendig sein, die Testcrowd aus Testern mit viel technischem Know-how zusammenzusetzen. Das Testen der neuen ERP-Lösung wird sicher durch Inhouse-Tester durchgeführt werden, da hier viel fachspezifisches Know-how notwendig ist.

Durch die Zusammenarbeit verschiedenster, talentierter Profis (inhouse/extern) auf einer On-Demand-Basis können IT-Verantwortliche ihre Anwendungen schneller auf den Markt bringen. Dazu mit einem höheren Grad an Qualität und zu niedrigeren Kosten. Communities gut ausgebildeter Fachleute bringen eine neue Sicht und frische Ideen in das Unternehmen.

Welchen Mehrwert hat nun Crowdtesting als Teil einer durchdachten QA-Strategie?

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1. Kosten

Crowdtesting erlaubt es IT-Managern, Testaktivitäten extern ohne Langzeitverträge auszulagern. Die Struktur der CrowdtestingCommunities ermöglicht Vergleiche zwischen den Anbietern und macht es kosteneffektiver als traditionelles Outsourcing.

2. Handhabung wachsender Komplexität / Erhöhen Sie die Diversität

Signifikante Qualitätsverbesserungen werden erreicht, wenn Softwaretests auf einer größeren Anzahl von verschiedenen Plattformen, Lokationen und Sprachen durchgeführt werden. Crowdtester können leichter für verschiedene OS/Browser/Plugins/Mobile Devices rekrutiert werden.

3. Reale Anwender in einer realen Welt

Vergessen wir die Tatsache, dass Sie für das Finden von Bugs zahlen. Während das die primäre Aufgabe der Testcrowd ist, ist es die zweite und viel mächtigere, dass Ihr Produkt von realen Benutzern mit verschiedenem Hintergrundwissen unter realen Bedingungen validiert wird. Wählen Sie die Mitglieder der Testcrowd, die am besten zu Ihnen passen.

Homogene interne Teams – auch jene von intelligenten, hungrigen, talentierten Menschen – sind oft weniger effektiv bei der Generierung neuer Produktideen. Außenstehende dagegen, die nicht betriebsblind sind, bieten eine bessere Rückmeldung.

4. Time to Market

Die operative Agilität eines Unternehmens hängt entscheidend von der Fähigkeit seiner IT ab. Crowdtesting ermöglicht es, bei Bedarf Ressourcen kurzfristig aufzustocken bzw. abzubauen. Crowdtesting eliminiert Verzögerung bei der Personalbesetzung, wenn die heiße Phase eines Projekts oder eines Release ansteht. Das ist wichtig für Firmen, die mit einem straffen Budget oder mit kurz getakteten Entwicklungsprozessen arbeiten.

5. Perfekte Ergänzung

Die Profis der Testcrowds bieten die perfekte Ergänzung zum Inhouse-Team. Stellen Sie ein Team zusammen, das die Stärken des Vollzeitmitarbeiters mit denen der Crowd (Flexibilität, Kosteneffektivität, Testabdeckung über Standorte, Sprachen und Plattformen) vereint.
Mit dieser Mischung aus dem besten Personal zu jeder Zeit können Sie Ihre Ressourcen skalieren, um enge Termine und knappe Fristen während der Spitzenzeiten optimal bedienen zu können.

Nachteile

Seine Ressourcen aus der Crowd zu beziehen hat allerdings auch Nachteile. So muss einerseits gewährleistet sein, dass keine vertraulichen Informationen vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangen, andererseits muss den Testern aber auch genug Freiraum geboten werden, dass das gewünschte Ergebnis – Auffinden von Unstimmigkeiten und Fehlern – möglichst einfach erreicht wird.

Ebenfalls ist der Projektmanagement-Mehraufwand nicht zu unterschätzen. Schließlich müssen viele Personen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichem Erfahrungsschatz koordiniert werden. Auch die Testberichte müssen gesammelt, gesichtet und zusammengefasst werden, was je nach Anzahl der Testteilnehmer zu einem sehr großen Arbeitspaket anwachsen kann.

Fazit

Wie jede Änderung, wird es für manchen Beteiligten im QA-Bereich schwierig sein, sich mit dem neuen Modell anzufreunden. Das Schöne am Crowdtesting ist, dass es nicht ein „entweder/oder“ sein muss. Firmen können leicht die Testcrowd miteinbeziehen und mit ihr experimentieren. Gerade deshalb redet man im Zusammenhang mit Crowdtesting über eine neue Art von Nutzungsmodell, das sich nicht nur durch Qualität und Geschwindigkeit, sondern vor allem auch durch eine hohe Agilität auszeichnet.

Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass Crowdtesting nicht statt Inhouse-Testen zum Einsatz kommen kann. Vielmehr geht es um deren Ergänzung, wo herkömmliche Testaktivitäten nicht möglich sind.

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