Autisten als Softwaretester und IT-Spezialisten

Es begann mit Herrn Bernd Herwig von Auticon, der an einem Trainingskurs bei mir teilnahm und über das Projekt mit Autisten berichtete. Das war sehr spannend, Autisten in den ersten Arbeitsmarkt zu führen.

Nach einem Gespräch von unserem Geschäftsführer mit Herrn Müller-Remus von Auticon, wurde ein Bootcamp zur Prüfungsvorbereitung vereinbart. Ein Bootcamp ist bei uns ein eintägiger Trainingskurs mit hohem Fokus auf Inhaltswiederholung. Als der Termin für das Bootcamp anstand, haben Herr Bernd Herwig und ich uns getroffen und besprochen, worauf ich achten sollte. Daraufhin wurde unser D&H-Bootcamp angepasst.

Eine Psychologin, die bei Auticon die Autisten betreut, sollte in Krisenmomenten unterstützen. Auch Herr Bernd Herwig würde während des ganzen Tages teilnehmen und notfalls eingreifen. Also für den doppelten Boden und das Sicherungsseil war gesorgt. Am Morgen traf ich auf recht skeptische Teilnehmer mit viel Angst vor dem Thema und der nachfolgenden Prüfung. Das E-Learning zum Erarbeiten des Themas war ihnen sehr schwer gefallen.

Recht schnell wurde klar, dass gewisse Situationen und Umstände zu heftigen Reaktionen bei den Teilnehmern führen konnten bis hin zum „Hinschmeißen“. Auch der Name „Bootcamp“ war mit einer negativen Besetzung aus dem Militärischen verbunden. Das nächste „Bootcamp“ wird also anders betitelt werden. Ein Teilnehmer kippelte mit seinem Stuhl, was den dahinter Sitzenden stark irritierte und fast die Situation eskalieren ließ. Die Abhilfe war eine Änderung der Sitzordnung, dann war alles wieder gut. Dieses wahrzunehmen und darauf einzugehen, war eine der besonderen Anforderungen an den Trainer.

Schon während der Pausen hatten sich die Teilnehmer gegenüber der Psychologin positiv über das Bootcamp geäußert. Die Teilnehmer wurden im Verlauf immer fröhlicher und legten ihre Angst vor der Prüfung langsam ab. Zu meiner großen Erleichterung reagierten die Teilnehmer nicht nur auf witzige Bemerkungen, sondern machten auch ihrerseits Witze. Sie verstanden Anspielungen schneller als manche anderen Teilnehmer, die ich bisher in Seminaren hatte. Ich hatte eigentlich kaum den Eindruck, Menschen mit einer Inselbegabung zu schulen, ganz im Gegenteil. Sie reagierten oft plietscher als normal Begabte. Das Fachwissen konnte sich absolut sehen lassen.

Das Ergebnis war: Alle haben bestanden.

Es war eine Aufgabe für mich, auf die ich mich sehr gründlich vorbereitet habe und nicht absehen konnte, ob es klappen würde und wie mein Plan „B“ aussehen könnte. Ich hatte auf keinen Fall damit gerechnet, dass es so eine positive und erfolgreiche Erfahrung sein würde. Wie sehen Autisten aus? Wie und woran erkennt man sie? Diese Fragen kann ich nicht beantworten. Ich persönlich hätte es nicht gemerkt oder jemandem angesehen. Kleine Situationen waren anders, aber das war schon alles. Das Denken funktionierte oft schneller. Das zweite „Bootcamp“, das inzwischen „Intensivtraining“ heißt, war im Dezember 2012, das dritte im April 2013 in München. Erfolgsbilanz der drei Intensivtrainings: Bis auf einen Teilnehmer haben alle die Prüfung bestanden!

Interview

Das folgende Interview wird mit freundlicher Genehmigung der c’t (Magazin für Computertechnik) abgedruckt.

Haben Sie Erfahrungen, Kenntnisse über die Eignung von Menschen mit Autismus, für das Testen von Software? Wenn ja, welche? Gerne auch mit Nennung von genauen Arbeitsprozessen.

Meine Aufgabe war und ist es, in einem intensiv Training die Vorbereitung für die Prüfung zum „ISTQB Certified Tester Foundation Level“ durchzuführen. Dort wird nicht nur das zielgerichtete Softwaretesten über Testmethoden vermittelt, sondern auch die Einbettung in den Testprozess und in das Testmanagement.

Hierzu wurde mit Unterstützung der Betreuer der Firma Auticon ein auf diese Gruppe abgestimmtes Konzept erarbeitet, wobei die Rückmeldungen aus den durchgeführten Trainings zur Feinabstimmung des Prozesses genutzt wurden.

Viele meiner Fragen und Übungen wurden schneller und präziser beantwortet als in meinen anderen Seminaren; ebenso wurden Abläufe, Zusammenhänge und logische Schlussfolgerungen problemlos erfasst. Wenn also das Lehrmaterial in einer Weise vermittelt wird, die auf diesen Personenkreis abgestimmt ist, dann sind hier deutlich bessere Ergebnisse zu erzielen als bei den anderen Softwaretestern.

Wie schätzen Sie es ein, wenn große Unternehmen wie SAP (will bis 2020 rund 1 % der Mitarbeiter aus dem autistischen Spektrum, Asperger, beschäftigen), Menschen mit diesen Inselbegabungen einstellen wollen?

Ein grandioses Vorhaben! Mich hat tief betroffen gemacht, dass Menschen, die hoch begabt sind, ein isoliertes Leben führen müssen und als Behinderte gelten. Wenn man die geeigneten Einsatzbereiche für diese Inselbegabungen finden kann, ergeben sich Lösungen, bei denen beide Parteien gewinnen.

Welche Vorteile können diese neuen Mitarbeitern mitbringen?

Diese neuen Mitarbeiter haben eine sehr schnelle Auffassungsgabe. Sie sind ausdauernder und über einen wesentlich längeren Zeitraum als andere in der Lage, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, präzise Ergebnisse zu liefern ohne sich zu langweilen oder „Schusseligkeitsfehler“ zu machen. Gerade dies sind Eigenschaften, die für bestimmte Testaufgaben von herausragendem Wert sind.

Was könnten Risiken, Grenzen sein, intrinsische Blockaden?

Sicherlich existieren an manchen Stellen Vorbehalte gegenüber diesen Kollegen – ich musste erfahren, dass viele von ihnen gemobbt worden sind. Die Gefühle anderer am Gesicht abzulesen ist den meisten nicht möglich. Hierdurch sind sie im besonderen Maße Lästereien und Verspottungen ausgesetzt, die sie nicht verstehen und gegen die sie sich nicht wehren können.

Ihre persönlichen Toleranzgrenzen sind sehr individuell. Das kann ein blinkendes Lämpchen sein, ein Kollege, der mit dem Stuhl kippelt oder ein Meeting, was verlegt oder abgesagt wurde. Hier ist es nötig, Kollegen darin zu schulen, solche Problembereiche zu erkennen und sie nach Möglichkeit zu umgehen. Dies erfordert nicht viel: meine persönliche Erfahrung zeigt, dass ein respektvoller Umgang mit eben diesen anderen Reaktionen und Befindlichkeiten völlig ausreichend ist.

Ist das eine Perspektive für das Fachgebiet des Softwaretestens? Hin zu mehr Inklusion am Arbeitsplatz?

Diese Frage möchte ich nicht grundsätzlich mit Ja oder Nein beantworten. Es gibt Bereiche im Fachgebiet Softwaretesten, wo das Sich-Hineinversetzen in den Anwender entscheidend ist. Da würde ich nicht unbedingt die Stärken dieser Tester sehen. Eher in den Bereichen der Qualitätsmerkmale, wo Präzision, Gewissenhaftigkeit, Ausdauer und gleichbleibende hohe Aufmerksamkeit erforderlich sind.

Als ISTQB-Zertifizierter Trainingsprovider sind wir, die Firma Díaz & Hilterscheid, stolz darauf, bei diesem außergewöhnlichen Projekt als Partner von Auticon mitzuwirken. Dass ein abgestimmtes Trainingskonzept, umgesetzt von individuell geschulten Trainern, erfolgreich ist, zeigt die bei jedem der durchgeführten Kurse ungewöhnlich hohe Besteherquote.

Weitere Artikel vom testing experience Magazin

Die Rolle der Tester beim agilen Testen
von Anna-Lena Müller & Georg Hansbauer

Der agile Tester – Ein Anforderungsprofil
von Boris Wrubel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kategorien

Recent Posts