Das ultimative Werkzeug für alle zukünftigen Anforderungen

von Maik Nogens

Welche Fähigkeiten müssen Menschen im Testing-Bereich mitbringen, damit ihre Zukunft gesichert ist? Ist es das Wissen um die neueste Version eines bestimmten Anbieter-Tools? Oder zu wissen, welche Methoden und Konzepte zurzeit diskutiert werden? Ist es Erfahrung, die eine gute Basis schafft?

Ich habe diesen Artikel begonnen, indem ich Skills aufgelistet habe, welche ich ausgehend von meinen Wünschen und Erfahrungen als nützlich erachte. Diese Liste wurde sehr schnell sehr lang, aber irgendwie war sie nicht die Lösung.

Solche Skills aufzulisten, zum Beispiel Tools oder Frameworks, die uns in unserem Beruf begegnen, mag einen kurzfristigen Nutzen haben. Aber wie kann eine solche Liste die oben stehende Frage beantworten? Ist sie dabei wirklich hilfreich? Zur Zeit der Veröffentlichung dieses Artikels könnte sie bereits veraltet sein.

In welchem Kontext und mit welcher Intention wird diese Frage gestellt? Einige gute Gründe sind mir schnell eingefallen: Wir wollen hilfreich sein, gute Arbeit leisten, unsere Jobs behalten, uns in unserem Tätigkeitsfeld weiterentwickeln und nicht zurückfallen. Und das ist noch längst nicht alles. Auch wird es immer gewisse technische Aspekte geben, die zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig erscheinen, denn sie ergänzen oft zeitgenössische Ideen, Visionen oder Konzepte.

Testwerkzeug

 

Gedankenexperiment

Wenn wir eine Zeitmaschine hätten und in die frühen 1970er [1] Jahre reisen würden, würden wir dann nicht beobachten, dass die meisten Menschen der Meinung sind, der einzige Weg, Ordnung in das Chaos zu bringen, seien ein sequenzieller Prozess, strenge Dokumentation, Arbeitsteilung und Messwerte? [2]

Und wenn wir zurück in die Zeitmaschine springen und eine kleine Reise in die 2060er Jahre unternehmen – würden wir dann nicht sehen, dass unser teambasierter, inkrementeller Lösungsweg mit schnellem Feedback eben nicht als die Wunderwaffe angesehen wird und die Leute nach neuen Ideen und Konzepten suchen?

Oft wird „Innovation“ als das Kombinieren zweier Dinge zu etwas Neuem definiert. Wenn das Neue einen Mehrwert hat, wird diese Innovation bekannt und verwendet. In der Biologie ist dies die natürliche Selektion [3], bei der nur die vorteilhaftesten Kombinationen überleben, weil sie besser an die gegenwärtige Umgebung angepasst sind.

Wie soll der einzelne Mensch damit umgehen? Wie können wir realistisch betrachtet glauben, dass wir alle zukünftigen Techniken, Methoden, Konzepte und Ideen voraussehen können? Wie können wir überhaupt wissen, wovon wir noch nichts wissen? [4] [5]

„Ick bün all dor.“ [6]

Sind wir also dazu verdammt, ziellose Wanderer in unserem Beruf zu sein – ständig zu versuchen aufzuholen, ohne es je wirklich zu schaffen? Nun, es gibt einen Bereich, den man größtenteils kontrollieren kann – sich selbst. Zu allen Zeiten und Epochen haben diejenigen Menschen überlebt, die sich anpassen konnten, während Menschen, die unangepasst blieben, dazu gezwungen waren zurückzufallen. Was auch eine Art natürlicher Selektion ist, nur nicht auf biologischen Eigenschaften basierend. Eine lesenswerte Lektüre zu diesem Thema ist „Who moved my cheese?“ [7], und nicht nur für den IT-Bereich.

Budder bei die Fische

Das ist alles sehr theoretisch. Wie können wir das in die Praxis umsetzen? Das Gehirn, die Intelligenz und ein Verständnis für Komplexität werden immer hilfreich bleiben, egal was die Zukunft bringt. Lesen ist ein guter Anfang. Zu Beginn unserer Reise des lebenslangen Lernens mag unser Gehirn etwas Muskelkater bekommen. Das Lesen mancher Konzepte kann sich als schwer herausstellen, und wir verstehen vielleicht nicht alles auf Anhieb. Wir mögen uns von der Menge an Lesestoff überwältigt fühlen.

Was ist also der Unterschied zwischen dem Versuch, mit dem Lesen hinterherzukommen, im Gegensatz zum Versuch, alle neuesten Techniken und Methoden zu lernen?

Ich persönlich glaube an das Prinzip „Mach’s einfach“. Einfach anzufangen ist der beste Weg. Am Anfang mag es nicht wichtig sein, was man liest. Indem man regelmäßig liest und sein Gehirn trainiert, lernt man. Es wird mit der Zeit leichter, über ein neues Konzept oder eine neue Idee zu lesen, und das Gehirn schafft Verbindungen zu Themen, die man zuvor gelesen hat. Nach einer Weile beginnt man gewisse Aspekte von dem, was man liest, in Frage zu stellen. Vielleicht hat man zuvor gegensätzliche Informationen gelesen, oder der Verstand stimmt einfach nicht zu.

Durch das Lesen verschiedenster Themen erschafft man sich ein umfangreiches Informationsfeld. Man kann mit stark themenbezogener Lektüre beginnen: Wenn man sich im Agile-Bereich befindet, wäre in Betracht zu ziehen, sich mit Scrum, Kanban, Pairing oder Ähnlichem zu beschäftigen. So bekommt man ein erweitertes Gefühl dafür, was das Thema bedeutet, wie andere Menschen es angewendet haben, wo es fehlgeschlagen ist und wo es funktioniert hat.

Zusätzlich kann man dann Lektüre über nicht direkt verwandte Themen lesen – zum Beispiel „Gut Feelings“ [8], „Design Thinking“ oder „Plan Theory“ – und sich darüber Gedanken machen, wie die Informationen sich in das eigene Berufsfeld übertragen lassen. Das Buch „Gut Feelings“ zum Beispiel hat mir eine gute Basis geliefert, meinem Bauchgefühl zu vertrauen, welches letztendlich nämlich auch faktenbasiert ist, was ich vor dem Lesen des Buches nicht wusste.

Was ist bisher passiert?

Das Gehirn hat sich an das Aufnehmen von Information gewöhnt. Es hat Verbindungen zwischen Inhalten geschaffen, die zuvor unzusammenhängend schienen. Möglicherweise hat man sogar schon Ideen bekommen, wie man Teile eines Themas mit einem zweiten verbinden und sie im eigenen Umfeld anwenden kann.

Ein konkreter Tipp für Tester:

Nun sollte man in Betracht ziehen, selbst mit dem Coden zu beginnen. Meine ersten Schritte in der Testautomatisierung waren, meinen Google-Login zu automatisieren, die erste EMail im Eingang zu öffnen und ein Wort zu prüfen. Simpel, wenn auch nicht besonders nützlich – abgesehen vom Lernaspekt.

Aber, in Kombination mit dem Lesen von Coding-Blogs und dem Anschauen von Coding-Videos kann man so lernen, Entwickler besser zu verstehen als zuvor und mit ihnen auch besser zu kommunizieren. Zumindest schafft es Respekt und Anerkennung dafür, dass man sich die Mühe gemacht hat, sich mit dem Thema außerhalb des eigenen Berufsfeldes auseinanderzusetzen.

Ist es wichtig, ob es sich hier um Ruby, Python, Selenium, Java oder irgendeinen anderen Geschmack des Monats handelt? Ich denke nicht. Die grundlegenden Prinzipien sind sich ähnlich genug. Sollte man eine neue Programmiersprache lernen müssen, sind die Lücken nicht allzu groß. Was ist mit geschäftlichen Bedürfnissen? Ein guter Start ist das bessere Verständnis von Wirtschaft. Wenn es den Aufruf gibt, „alles zu automatisieren“, kann man dann monetäre Argumente berücksichtigen und der eigenen Firma Vorteile verschaffen.

Aber … lesen?

Ich habe „Lesen“ in diesem Artikel als Lernweg [9] benutzt, weil es hierbei eine geringe Eintrittshürde gibt. Blogs, Magazine, Bücher, Newsletter und Ähnliches sind jedem mit Internet zugänglich. Bücher mögen hier die teuerste Option sein, aber auch da gibt es Möglichkeiten, dieses Problem zu umgehen:

durch den Arbeitgeber, durch Rezensionen, Book-Sharing etc. Lesen bietet außerdem die Möglichkeit, die Lerngeschwindigkeit den eigenen Bedürfnissen und Launen entsprechend anzupassen.

Ich lese viel, aber ich habe das Gefühl, stecken geblieben zu sein und mich nicht mehr zu verbessern?!

Die meisten Menschen können nur bis zu einem bestimmten Punkt durch das Lesen lernen. Dann wird es Zeit, an Diskussionen teilzunehmen und mit anderen Interessierten Sichtweisen auszutauschen. Durch das Besprechen, Debattieren und Fragenstellen findet man Antworten, die ein Buch nicht geben kann.

Hierzu kann man Chat-Gruppen, Online-Mentoring[10], Foren, Face-to-Face-Meetings und Diskussionen nutzen. Irgendwann ist dann vielleicht die Zeit gekommen, selbst einen Workshop oder eine Präsentation auf einer Konferenz zu halten und anderen auf ihrem Weg zu helfen, den sie vielleicht gerade erst begonnen haben.

Fazit

Wenn man nutzt, was einem zur Verfügung steht, sprich das Gehirn, wird man für die zukünftigen Ansprüche des Berufs besser gewappnet sein. Die Lücke zu einem neuen Konzept oder einer neuen technischen Lösung wird einfacher zu schließen sein, wenn man darin geübt ist, Information schnell zu bearbeiten und sie mit bereits existierendem Wissen zu verknüpfen. Dies vereinfacht es außerdem, Stärken und Schwächen schneller zu erkennen und fundierte Entscheidungen zu treffen, wenn dies nötig ist.

Quellen/Anmerkungen

[1] http://www.cs.umd.edu/class/spring2003/cmsc838p/Process/waterfall.pdf
[2] Ich werde hier nicht auf das Missverständnis von Royces Abhandlung eingehen.
[3] http://en.wikipedia.org/wiki/Natural_selection
[4] http://www.corvusintl.com/CACM0025OI.htm
[5] Einfacher zu lesen: http://www.paperandpencil.info/home/2005/02/five_orders_of_.html
[6] http://en.wikipedia.org/wiki/The_ Tortoise_and_the_Hare
[7] http://en.wikipedia.org/wiki/Who_ Moved_My_Cheese%3F
[8] http://www.amazon.com/Gut-Feelings-The-Intelligence-Unconscious/dp/0143113763
[9] Es gibt natürlich auch andere Wege zu lernen. Zum Beispiel Online- und Offlinekurse. Das Angebot reicht von teuren, kommerziellen Kursen bis hin zu communitybasierten, kostenlosen Kursen. Es gibt auch viele lokale Gruppen für solche Dinge, von Softwaretesten bis Kanban.

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