Eine Frage der Haltung

von Sven Schirmer

Lösungsfokussierung im Testing

Testspezialisten erarbeiten sich durch die Lösungsfokussierung Soft Skills und ein Mindset, das zukunftsgerichtet ist und auf konkrete Verbesserungen abzielt. Die Methodik versetzt Testspezialisten in die Lage, eine Rolle als Problemlöser und Träger von positiver Veränderung zu besetzen. Das ist für interne Experten ebenso wichtig wie für externe Berater.

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Testing hat sich in vielen Unternehmen als eigenständiger Arbeitsbereich im Software Engineering etabliert. Das gibt der Professionalisierung des Berufsfelds eine neue Dynamik: Neben einer fundierten methodischen Ausbildung werden soziale Fertigkeiten und klassische Beratungskompetenzen wichtiger – nicht nur für externe Consultants. Denn in agilen Prozessen wie Scrum gewinnt die Abstimmung im Team und mit der Fachabteilung an Gewicht. Kommunikativ geschulte Testspezialisten sorgen für effiziente Abstimmungen, denken ergebnisorientiert statt problemzentriert und identifizieren konkrete Verbesserungsschritte. Der lösungsfokussierte Ansatz fasst diese Fähigkeiten zusammen: Er stattet Testspezialisten mit einem Mindset aus, das auf Verbesserungen hinarbeitet und das Betrachten von Problemen in den Hintergrund rückt.

Lösungsfokussierung ist eine Gesprächstherapie, die von einer Forschergruppe um die Familientherapeuten Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelt wurde. Dr. Günter Lueger und andere haben das Konzept zu einem Managementansatz weiterentwickelt. Das Konzept arbeitet mit drei Grundprinzipien:

„Repariere nichts, was nicht kaputt ist!“

„Finde heraus, was gut funktioniert – und tu mehr davon!“

„Wenn etwas nicht funktioniert, dann versuche etwas anderes!“

Lösungsfokussierung fragt: Was muss sich verändern, um eine unbefriedigende Situation zu verbessern? Und wie sind die Schritte dorthin? Die Fragen leiten den Befragten an, sich mit positiven Veränderungen zu beschäftigen. Der Blick auf die Ursachen in der Vergangenheit rückt in den Hintergrund.

Lösungsfokussierte Experten und Berater treten nicht als wissende Problemlöser auf, sondern nehmen bewusst eine nichtwissende Haltung ein. Sie sehen im Gegenüber den Experten für die eigene Situation: Die Lösung liegt im Menschen selbst. Im Gespräch erarbeiten sie Lösungswege und definieren die nächsten Schritte möglichst konkret. Ein Problem und seine Lösung sind individuell. Was eine Situation für eine Person verbessert, löst dasselbe Problem für einen anderen nicht unbedingt – die Wahrnehmungen unterscheiden sich.

Der lösungsfokussierte Ansatz lehrt zudem, sich auf das zu konzentrieren, was gut funktioniert. Es soll wiederholt und verstärkt werden. Denn es ist einfacher, etwas Bekanntes anzuwenden, als etwas Neues zu erfinden. Umwege, die in der Vergangenheit zum Erfolg geführt haben, können so zur Schablone für neue Prozesse werden. Was nicht funktioniert, wird abgelegt. Es kostet weniger Kraft, etwas Neues zu versuchen, als Bestehendes zu verbessern.

Testing Lösungen

Lösungsfokussierung für Testspezialisten

Die lösungsfokussierte Herangehensweise zielt auf soziale Zusammenhänge ab, etwa bei der Abstimmung im Team oder mit Fachanwendern. Sie vermittelt Testspezialisten eine konstruktiv-zugewandte Haltung: Wie soll eine Applikation funktionieren, was genau ist mit Anforderungen gemeint und wie müssen Testfälle aussehen, um die Anforderungen abzudecken? Das ist doppelt wertvoll. Erstens sind konkrete Aussagen und ein gemeinsames Verständnis Grundlage für ein auslieferbares Produkt am Ende eines Sprints; fehlt die Abstimmung, holt das das ScrumTeam am Ende des Sprints ein. Zweitens liefert der lösungsfokussierte Ansatz Werkzeuge, um Abstimmungen ergebnisorientiert und effizient zu gestalten. Da für Scrum-Teams die Kommunikation ein zentraler Baustein ist, ist der Nutzen des lösungsfokussierten Ansatzes täglich sichtbar – etwa bei Daily Standups.

Lösungsfokussierung hilft bei der Verständigung mit der Fachabteilung, der intensive Austausch zwischen Scrum-Team und Product Owner oder zwischen Product Owner und Fachabteilung bleibt zielgerichtet. Um passende Testfälle zu entwickeln, konkretisieren Testspezialisten die Anforderungen häufig in kommunikative Iterationen mit der Fachabteilung. Das lösungsfokussierte Mindset gibt ihnen ein exzellentes Gerüst, um den Austausch auf das Ziel hinzutrimmen.

Beschreiben Sie „besser“! Die Future-Perfect-Methode

Ein lösungsfokussierter Managementansatz geht davon aus, dass Betroffene die Lösung ihres Problems bereits kennen; das Gegenüber fördert das Wissen durch die Gesprächsführung zutage und hilft dabei, konkrete Verbesserungsschritte zu finden. Aus diesem Grund ist jedes Ergebnis eines lösungsfokussierten Gesprächszyklus‘ individuell.

Wesentlich ist die Future-Perfect-Methode: Sie fragt danach, wie eine „gute Zukunft“ aussieht, und sorgt dafür, dass der Befragte in die Zukunft denkt. In einem Softwareprojekt lenkt der Testspezialist die Betrachtung des Fachanwenders oder Product Owners auf die Welt ohne das gegenwärtige Problem – etwa so: „Wie genau soll die Applikation den Prozess nach dem Release abbilden?“ Um die Vorstellung zu konkretisieren, hinterfragt der Testspezialist die Vision mehrfach mit einer offenen Frage wie: „Was ist noch anders?“ Der Befragte denkt über seine Vorstellung nach, durch die Auseinandersetzung verfestigt sie sich und wird detaillierter. So angeleitet kann beispielsweise ein Fachanwender genauer Auskunft geben, was an einem System oder einer Softwarelösung verändert werden soll.

Das gelingt jedoch nur, wenn der lösungsfokussiert Fragende offene Fragen stellt und Pausen aushält. Denn die erste Reaktion seines Gegenübers liefert meist nur eine vage Vorstellung, häufig zeigen sich Nichtwissen oder sogar Ablehnung. Um diese Haltung zu überwinden, muss der Testspezialist geduldig sein und interessiert schweigen. Geschieht das nicht, könnte er sein Gegenüber durch Stichworte oder Suggestivfragen beeinflussen.

Schritt für Schritt zum großen Wurf

Im nächsten Schritt beschreiben Berater und Befragter die Verbesserungsschritte gezielt: Was muss der Befragte konkret tun, um die detaillierte Vision zu verwirklichen? Idealerweise geben die Antworten aus der Konkretisierungsrunde erste Hinweise. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Frage nach Situationen, in denen etwas gut funktioniert hat. Der Rückgriff auf das Bekannte sorgt dafür, dass die Veränderung eher akzeptiert wird.

Das Vorgehen hilft in agilen Teams auf verschiedenen Ebenen: Der Product Owner kann diffuse Anforderungen aus den Fachabteilungen zu konkreten User Stories verdichten. Mit der gleichen Methode kann das Scrum-Team den Product Owner befragen; das gemeinsam entwickelte Verständnis ist grundlegend für bessere Testfälle. In einer Gruppendiskussion, beispielsweise zwischen Testspezialisten, definiert das Team mit der Methode verbindlich die nächsten Schritte. In beiden Fällen sorgt die Lösungsfokussierung für bessere Ergebnisse als eine „wissende Haltung“, die möglicherweise eine Lösung überstülpt oder ein Problem löst, das gar nicht existiert. Der Werkzeugkasten der Lösungsfokussierung hilft, User Stories zu konkretisieren. So können Testspezialisten passende Testfälle schreiben oder nichtfunktionale Anforderungen überprüfen – etwa das Verhalten einer Anwendung bei fehlerhaften oder nicht erwarteten Nutzereingaben.

Positive Wende herbeiführen

Lösungsfokussierung ändert über die Sprache die Art, wie Personen eine Situation bewerten. Das sorgt für eine positiv-konstruktive Wende in der Vorstellung des Befragten: Erstens geht der Blick ausdrücklich von der Problemanalyse weg. Die Frage: „Wie konnte es zu dieser Situation kommen?“, spielt keine Rolle mehr. Zweitens zeigt das Vorgehen, wie eine Person das eigene Umfeld so verändern kann, dass eine störende Situation zumindest akzeptabel wird. Das hat eine deutlich höhere Erfolgswahrscheinlichkeit als der Versuch, das eigene Verhalten an eine Situation anzupassen. Und drittens konzentriert sich der Befragte auf sehr konkrete Verbesserungsschritte, statt auf ein unerreichbares Fernziel zu starren. Das lässt sich gezielt als Vorbereitung für Teammeetings nutzen: Die Teilnehmer tauschen sich in kleinen Gruppen kurz über ein persönliches Highlight aus. Das bereitet die Stimmung vor, das Team ist in der folgenden Besprechung positiver und konstruktiver, die Ergebnisse werden in der Regel greifbarer und die Aufgabenverteilung eindeutiger sein. Ein Scrum Master setzt die Technik des positiven Perspektivwechsels ein, um Impediments im täglichen Scrum-Meeting effizient, zielorientiert und im Sinne des Teammitglieds aufzulösen.

Durch diese Mechanismen überwindet die Lösungsfokussierung die Tendenz der menschlichen Wahrnehmung, vor allem das Negative zu sehen. Sie rührt daher, dass Menschen Abweichungen und Gefahren schneller wahrnehmen als alltägliche Situationen: Denn für den frühen Homo sapiens war es überlebenswichtig, den sich anschleichenden Löwen zu bemerken, anstatt die Blume am Wegesrand zu bewundern.

Sichtweise des Gegenübers einnehmen

Aus dem Austausch zwischen Product Owner und Fachabteilung über die Produktvision entstehen häufig Ideen, welche Fachprozesse geändert werden müssen. Ein Product Owner, der seinem Gegenüber in dieser Phase genau zuhört und anschließend seine Perspektive einnimmt, ist bei der Priorisierung der Anforderungen gegenüber dem Scrum-Team bereits einen großen Schritt weiter. Er zieht die Themen vor, die der Fachabteilung wichtig sind. Diese Einsicht konzentriert der lösungsfokussierte Ansatz in dem Leitsatz: „Repariere nicht, was nicht kaputt ist!“ Verbesserungen erzielt der Testspezialist dort, wo dem Gegenüber der Schuh drückt. So wird keiner der Stakeholder enttäuscht.

Die Sichtweise des anderen anzunehmen, bedeutet implizit, dass die Lösung eines Problems individuell ist, denn Problemwahrnehmungen gleichen sich selten. Im Unternehmensalltag erfordert das mitunter die Kunst, Lösungsbausteine zu kombinieren, um mehrere Stakeholder mit unterschiedlichen Erwartungen zufriedenzustellen – etwa den Applikationsbetrieb und die Power-User aus der Fachabteilung.

Wird Lösungsfokussierung auf Scrum-Retrospektiven angewendet, lassen sich Abläufe verbessern oder effizienter gestalten: Statt Gründe für Verzögerungen zu diskutieren, berichten Teammitglieder über notwendige Verbesserungen und Auswege aus kritischen Projektsituationen. Der Austausch regt dazu an, positive Beispiele zur Nachahmung zu identifizieren. Der Blick auf gelungene Beispiele lenkt den Blick auf das eigene Können. In einem gemeinsam verantwortlichen Scrum-Team stärkt das Verständnis füreinander die Qualität der Arbeit. In dieser Hinsicht unterstützt Lösungsfokussierung neuere Managementkonzepte. Sie berücksichtigt, dass jeder Mitarbeiter andere Stärken mitbringt, die individuell gefordert und gefördert werden.

Strategische Weiterentwicklung der Testabteilung

Testing ist eine noch junge, selbstständige Disziplin, in der sich Methoden und Werkzeuge schnell weiterentwickeln. Gerade deswegen ist es sinnvoll, Vorgehen, Tools und Technologien regelmäßig zu evaluieren – auch in Unternehmen, in denen Testing gut eingeführt und verankert ist. Nähern sich Testverantwortliche der Gretchenfrage „Was macht unser Testing noch besser?“ mit einem lösungsfokussierten Mindset, identifizieren sie leichter Vorhaben, die das Testing strategisch weiterbringen. So bleibt das interne Audit nicht bei der Betrachtung von Tool-Unzulänglichkeiten oder personellen Engpässen stehen. Ergebnisse können stattdessen konkrete Weiterbildungspläne oder Recruiting-Ziele sein, um Wissen über eine neue Technologie auszubauen, oder Ansätze für den Austausch mit der Fachabteilung. Letzteres ist besonders wichtig, da der Fachbereich einem professionellen Testbereich Verantwortung abtritt und vieles nicht mehr selbst testet. Das geht nur reibungslos über die Bühne, wenn Fachanwender dem Wissen der Testspezialisten über die Fachlichkeit vertrauen beziehungsweise wenn es dem Testbereich gelingt, funktionierende Arbeits- und Austauschbeziehungen auf Peer-Ebene zu schaffen.

Lösungsfokussierung macht es sich zur Aufgabe, konkrete Verbesserungsschritte für eine Situation zu finden, die als nicht befriedigend empfunden wird. In agil arbeitenden Teams mit kurzen Planungszyklen und häufigen Abstimmungen zeigen sich die positiven Auswirkungen besonders schnell. Auch Software-Engineering-Teams, die nach dem V-Modell arbeiten, hilft das Mind- und Methodenset der Lösungsfokussierung: Die Haltung unterstützt Testspezialisten, ergebnisorientiert zu arbeiten, die Kommunikation im Team oder mit der Fachabteilung gewinnt ungemein an Qualität und Effizienz. Der Ansatz ist deswegen ein wertvoller Handlungsleitfaden für Testspezialisten, die in agilen Teams als Schnittstelle zu technischen Kollegen oder der Fachabteilung arbeiten.

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