Fähigkeiten eines Testers – Abstraktion mit Leidenschaft

von Johannes Widmann

Softwarequalitätssicherungsprojekte erscheinen dem Uneingeweihten oft banal und eintönig. Das gilt insbesondere für die vielen manuellen Arbeitsschritte in großen Qualitätsprojekten, in deren Verlauf die Tester herausgefordert sind, nicht durch deren ständige Wiederholung allmählich unkonzentriert, müde und unaufmerksam zu werden. Einen einzelnen Prozess wortwörtlich Hunderte von Malen nachzuverfolgen oder die immer gleichen Abläufe zu betrachten und trotzdem so aufmerksam zu bleiben wie beim allerersten Durcharbeiten der Software, das verlangt ein besonderes Arbeitsethos, leidenschaftliches Engagement und die Fähigkeit zur Abstraktion – absolut unverzichtbare Fähigkeiten für jeden guten Softwaretester. Nicht jeder Tester sei für eine derartige Leistung geschaffen, könnte man nun einwenden. Aber mit einer ordentlichen Portion Kreativität und Abstraktionsvermögen kann ein professioneller Softwaretester etwas scheinbar Banales in einen aufregenden, inspirierenden Vorgang umwandeln.

Fähigkeiten eines Testers

Ich möchte eine persönliche Erfahrung als Analogie für einen Softwaretest nehmen. Vor vier Jahren habe ich eine Wohnung in einem Altbau in Hamburg gekauft und anschließend renovieren lassen. Theoretisch ist der Kauf einer Immobilie eine schlichte Angelegenheit. Man liest ein Exposé, das einen anspricht, und kauft das Objekt. Sobald man stolzer Besitzer der Immobilie ist, beschafft man sich eine detaillierte Beschreibung aller erforderlichen Renovierungsarbeiten und vereinbart mit dem Bauträger das Datum, zu dem alle Arbeiten fertiggestellt werden sollen, dann zieht man ein. All dies ist natürlich in einem schriftlichen Vertrag festgehalten, der von Ihnen, dem Notar und allen am Prozess beteiligten Parteien unterzeichnet wird, daher müssen Sie sich nun wirklich keine Sorgen machen, dass irgendetwas nicht klappen könnte. Stimmt‘s? Wer auch nur ein bisschen gesunden Menschenverstand hat, weiß, dass dieses schöne Szenario reine Theorie ist und es in der Praxis oft drunter und drüber geht.

Jedes Mal, wenn ich eine neue Software zum Testen bekomme, wird sie nun zu meinem Zuhause, in das ich während der Projektzeit einziehe. Ich prüfe Anwendungen für Endverbraucher genauso wie Industrieprodukte, daher kann meine Wohndauer zwischen 24 Stunden und mehreren Jahren liegen. Diese Perspektive bewahrt mir die Begeisterung, ich bleibe hungrig, aufmerksam und zutiefst involviert, denn schließlich ist die zu prüfende Software das Haus, das ich gerade kaufen will und mit dem ich mich über Jahre hinweg arrangieren muss.

Alles dreht sich um Zeit und Geld

Die Parallelen zwischen dem Kauf einer Wohnung und Softwaretests sind offensichtlich. In der Softwareentwicklung gibt es in der Regel immer Dokumente mit vielen Bildern, die den Innenaufbau der Software beschreiben, sowie schön formatierte und wohlklingende, aber inhaltlich mangelhafte und nicht auf Machbarkeit geprüfte Spezifikationen oder auch unterschriebene Verträge, in denen unrealistische Fertigstellungsdaten angegeben sind, etc. pp. Beim Wohnungskauf wie in Softwareprojekten bemühen wir uns, die Faktoren Umfang, verfügbare Zeit und Budget miteinander zu vereinbaren. Leider war mir diese Ähnlichkeit erst viel zu spät aufgefallen; zwar bin ich professioneller Softwaretester, war aber völliger Neuling beim Kauf der heiß ersehnten Wohnung mit Balkon, einer Immobilie zumal, die erst renoviert werden musste, ehe sie bezugsbereit war. Sollten Sie jemals eine Immobilie gekauft oder renoviert haben, kommt Ihnen Folgendes sicher bekannt vor:

Auf der Baustelle – 2 Monate vor der Übergabe

„Uns läuft die Zeit davon, und daher müssen wir manche Anforderungen ändern oder streichen. Braucht der Bewohner den Balkon wirklich? Ich meine – die Wohnung kann er auch ohne Balkon bewohnen. Meiner Meinung nach ist das ein nettes Extra, und wir haben nicht die Zeit, Forderungen nach ,netten Extras‘ zu bearbeiten. Wir verlegen den Balkon einfach in ein späteres ,Servicepack‘ und den Garten ebenfalls.”

In meiner Wohnung – heute (3 Jahre danach)

„Ok, das Problem ist, dass wir bei der Fertigstellung des Wohnzimmers den optionalen Balkon nicht mit einkalkuliert haben. Wenn Sie also wirklich auf diesem Balkon bestehen, müssten wir zuerst das restaurierte Kieferparkett entfernen, einen Trägerbalken durch die Außenwand unter Ihrem Wohnzimmerboden verlegen – wodurch sich das Bodenniveau im Wohnzimmer ändert, weswegen Sie neue Türzargen und Türen und einen neuen Heizkörper brauchen, weil der alte nicht mehr unter das Fenster passt, usw. Da dies den normalen Umfang eines Servicepacks übersteigt, würde ich vorschlagen, dass wir die Malerarbeiten fertigstellen und den Balkon außen vor lassen. Jetzt haben Sie hier schon so lange gelebt, da sind Sie die Situation ja ohnehin gewöhnt.”

Die Kombination aus altem Gebäude und neuem Balkon war genau der Grund, warum ich diese Wohnung überhaupt kaufen wollte, aber ich habe gelernt, ohne ihn auszukommen. Als Anwender wäre ich unzufrieden und hätte den Eindruck, dass mein Einfluss auf den Prozess eher gering ist. Als Käufer frage ich mich, warum ich das Thema nicht früher angesprochen und meinen Einfluss wirksam eingesetzt habe. Während der sechsmonatigen Renovierung besuchte ich die Wohnung so häufig, dass ich mit der Zeit schlampig und unaufmerksam wurde, wogegen meine Begeisterung während der ersten Besichtigungen der Wohnung mich blind für deren Mängel gemacht hat. Hier lässt sich nun eine Analogie-Tour Immobilienkauf/Qualitätssicherung erstellen, die für explorative Vorgehensweisen gut geeignet ist:

Exposé => Spezifikation

Beim Durchlesen dieses Dokuments beachten Sie unbedingt folgende drei Punkte:

1. Prüfen Sie die Formulierungen dahingehend, ob ihr Tenor übermäßig positiv oder eher realistisch ist.

2. Notieren Sie drei wichtige Sachverhalte, die Sie bei der ersten Besichtigung überprüfen wollen.

3. Legen Sie sich eine Mindmap vom Inhalt des Dokuments an.

Diese Anhaltspunkte stellten sich für mich im Verlauf der Renovierungsarbeiten als sehr hilfreich heraus. Das Konzept lässt sich gut auf Softwaretests übertragen – lesen Sie die Spezifikation und zeichnen Sie in Gedanken ein Schema der wichtigsten Merkmale so, wie Sie sie sich vorstellen. Auch hier bietet sich zur Nachvollziehbarkeit eine Mindmap an.

Hand in Hand

Soweit möglich sollten Sie versuchen, den Verfasser der Spezifikation oder den leitenden Programmierer kennenzulernen. Im Immobilienhandel wäre das der Immobilienmakler. Persönlicher Kontakt mit dem Verfasser solcher Dokumente verhilft einem zu nützlichen Erkenntnissen, die Ihnen als Tester während der Qualitätssicherung wertvolle Dienste leisten werden:

1. Versuchen Sie, den/die Immobilienmakler/ in besser kennenzulernen und sich mit seiner/ihrer Persönlichkeit vertraut zu machen – das hilft Ihnen, versteckte Motive zu erkennen und sich auf Unvorhergesehenes vorzubereiten.

2. Finden Sie in Testprojekten heraus, ob der Verfasser der Spezifikation aus dem geschäftlichen oder technischen Bereich stammt. Dadurch lässt sich eine AntipodenPrüfung durchführen:

a) Fangen Sie im Test mit dem geschäftlichen Prozess an, wenn Ihr Ansprechpartner ein Techniker ist.

b) Prüfen Sie grundlegende technische Funktionen, falls Ihr Ansprechpartner im geschäftlichen Bereich tätig ist.

3. Passen Sie auf Grundlage dieser Kenntnisse die bereits erwähnten drei Hauptpunkte für die erste Inspektion an.

Erste Inspektion

Halten Sie Ihre Begeisterung im Zaum! Das Beste an meiner Arbeit als Tester ist die Mischung aus Lampenfieber und kindlicher Aufregung beim ersten Test eines neuen Produkts. Manchmal führe ich Tests in Echtzeit vor Kunden durch, was die Begeisterung und Aufregung noch verstärkt. Ehe Sie also die Tür das erste Mal öffnen, halten Sie inne, atmen tief durch und fassen Sie sich wieder.

  • Treten Sie ein, öffnen Sie sämtliche Türen und checken Sie kurz alle Räume durch. Prüfen Sie die Kernfunktionen auf Bildschirm-zu-Bildschirm-Basis.
  • Verifizieren Sie Ihre drei Hauptpunkte.
  • Vergeuden Sie nicht zu viel Zeit mit Einzelheiten. Falls alle Räume zugänglich sind, schließen Sie die Tür wieder und schreiben drei Hauptpunkte für die zweite Inspektion auf, ohne dabei erneut die Spezifikationen/das Exposé zu konsultieren.

In den meisten Fällen wird Sie Ihr Gedächtnis trügen. Dinge erscheinen größer/kleiner, besser/schlechter, heißer/kälter usw., als sie wirklich sind. Wenn Sie die Themen für die zweite Inspektion notieren, ohne das mit schriftlichen Dokumenten abzugleichen, schaffen Sie Raum für Verbesserungsmöglichkeiten, die Sie sonst verpassen könnten.

Zweite Inspektion

Wurden Ihre Erwartungen erfüllt? Jetzt sollten Sie Ihre Notizen und Ihre Mindmap nochmals durchsehen. Prüfen Sie die drei Hauptthemen, die Sie nach der ersten Inspektion notiert hatten:

  • Passt mein Kühlschrank in die Küche?
  • Gibt es eine PDF-Downloadfunktion für Rechnungen?

Forschen Sie weiter anhand Ihrer Mindmap. Gehen Sie bei jedem Raum, bei jeder Funktion in die Details. Jetzt kann auch ein guter Zeitpunkt für eine erste Runde Usability-Tests sein.

  • Gibt es überall dort Steckdosen, wo ich welche brauche?
  • Kann ich den Prozess auf normale Weise durchlaufen lassen, ohne auf Hindernisse zu treffen?

Nach Abschluss notieren Sie wieder drei Hauptthemen für den nächsten Besuch. Diesmal mit den Schwerpunkten Funktionalität und Anwenderfreundlichkeit.

Dritte Inspektion

Fühlen Sie sich wie zu Hause? So sollte es auch sein. Prüfen Sie die drei Hauptthemen, die Sie nach der zweiten Inspektion notiert haben. Jetzt, wo Ihnen die Umgebung vertraut ist, gehen Sie mehr ins Detail und versuchen unterschiedliche Konfigurationen:

  • Wie ist die Lichtsituation am Abend? Ist es zur Hauptverkehrszeit laut?
  • Wie verhält sich die Anwendung bei starker Belastung? Was passiert, wenn zwei Anwender gleichzeitig dieselben Schritte ausführen?
  • Bringen Sie jemanden mit, führen Sie ihn umher und erforschen Sie alles gemeinsam.
  • Profitieren Sie von einer zweiten Meinung.
  • Probieren Sie Paired Testing aus!

Das ist mein kurzes Szenario zur Verbesserung von Arbeitsqualität und Resultaten in Testprozessen, das sich beliebig weiterführen lässt. Seien Sie kreativ bei der Abstraktion Ihrer Testszenarien, Sie können davon sehr profitieren. Bei der nächsten Iteration nehmen Sie sich einfach die Zeit, darüber nachzudenken und zu schauen, wohin Sie das führt. Von diesem Kniff profitieren Sie in Alltagssituationen ebenso wie bei Ihrer Tätigkeit als professioneller Tester. Nehmen Sie sich nicht zu viel vor und übertragen Sie Testprozesse in alltägliche Situationen, um komplexe Sachverhalte zu entschlüsseln.

Mich hat die Extraktion von Gemeinsamkeiten zwischen Immobilienkauf und der Qualitätssicherung von Software zu einem besseren Software-Qualitätsingenieur gemacht. Und Immobilienmakler, aufgepasst – sollte ich im Laufe meines Lebens noch einmal diesen Prozess durchlaufen müssen, werde ich richtig gut vorbereitet sein.

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