Outsourcing 2.0: Offshoring – Nearshoring – Crowdtesting

von Markus Steinhauser

Das Testen von Software erfordert erhebliche Ressourcen. Einsparungen, vor allem hinsichtlich der Kosten, sind Gründe für die Nutzung von Offshore- bzw. Nearshore-Dienstleistungen in der IT-Branche. Beim Einsatz von Crowdtesting verwischen diese Grenzen, denn selbst wenn der Crowdtesting-Dienstleister „Onshore“, also im selben Land ist, arbeiten die Tester je nach Anforderung verteilt über die ganze Welt. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit den Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschieden von Outsourcing und Crowdsourcing am Beispiel von Crowdtesting in der Softwareindustrie.

Outsourcing 2.0

Aktuelle Herausforderungen

Vor allem im mobilen Bereich stellen sich Unternehmen ständig neuen Herausforderungen hinsichtlich der Qualität und Nutzbarkeit ihrer Software. Tausende von Geräte- und Betriebssystemkombinationen lassen flächendeckende funktionale Tests unmöglich erscheinen. Der Aufbau eines eigenen Gerätepools ist hingegen kostenintensiv und muss ständig erneuert werden. Daher findet beim Testen oft eine Beschränkung auf wenige Geräte statt. Zudem stellt sich die Frage, wie gut die Endanwender mit der Applikation zurechtkommen, denn hohe Ansprüche sorgen für geringe Frustrationstoleranzen und letztendlich zur Deinstallation bei Problemen. Knapp ein Viertel aller Apps wird von den Nutzern lediglich einmal geöffnet [Localytics 2013]. Frühes Nutzerfeedback ist daher essenziell, wird jedoch durch zunehmend schnellere Entwicklungszyklen oft lediglich punktuell oder erst nach dem Release eingeholt.

Crowdtesting kombiniert Testing mit dem Prinzip des Crowdsourcings. Crowdtesting ist folglich eine Form des Outsourcings von TestingAufgaben an eine Masse an Internetnutzer (die Crowd). Die Crowd arbeitet an einer definierten Problemstellung und unterstützt das Unternehmen mit seinen Lösungsvorschlägen. Crowdtesting nutzt also die Schwarmintelligenz der weltweiten Internetgemeinde, um Webseiten, mobile Apps, Games oder Enterprise Software zu testen, von Bugs zu befreien sowie die Usability zu optimieren. So kann Software von einer gewünschten Zielgruppe endkundenbasiert unter realen Bedingungen auf einer Vielzahl an Endgeräten getestet werden – auch vor dem Release.

Crowdsourcing: zweifaches Outsourcing

Crowdsourcing wird teilweise als nächste Stufe des Outsourcing-Modells beschrieben. Carl Esposti, CEO des Online-Portals Crowdsourcing. org, ist der Meinung, indische Outsourcing-Dienstleister hätten den Enterprise-Markt für Globalisierung 2.0 in Form von Crowdsourcing geebnet [Crowdsourcing.org 2012]. Der wichtigste Unterschied zwischen Outsourcing und Crowdsourcing liegt in der Art und Weise, welche Aufgaben an welche Personen vergeben werden. Während beim Outsourcing auf die internen Ressourcen eines externen Dienstleisters, also dessen Mitarbeiter, zugegriffen wird, stellt ein Crowdsourcing-Dienstleister Verbindung zu einer ungleich größeren Anzahl an wiederum externen, meistens freiberuflich arbeitenden Menschen her. Diese können beim Crowdtesting von Software beispielsweise nach unterschiedlichen Kriterien wie verfügbare Geräte oder soziodemografische Eigenschaften ausgewählt werden, um spezifische Zielgruppen zu rekrutieren.

Möchte man Crowdtesting also in die Offshore- und Nearshore-Thematik einordnen, zeichnet sich ein differenziertes Bild. Während der Firmensitz des Crowdtesting-Dienstleisters sowohl Offshore, Nearshore als auch Onshore sein kann, trifft dies nicht unbedingt auf die verfügbare Crowd an Testern zu. Diese ist wiederum weltweit verteilt, aus einem spezifischen Land oder einer Region. In diesem Sinne findet eine zweifache Form von Outsourcing statt: zuerst durch das ursprüngliche, in Auftrag gebende Unternehmen und anschließend durch den Dienstleister selbst. Dadurch gestaltet sich zum einen die Verfügbarkeit an Ressourcen deutlich flexibler, was vor allem im funktionalen TestingBereich das Abfangen von Spitzen sowie Leerläufen erleichtert. Gleichzeitig eröffnet Crowdtesting neue Testmöglichkeiten, beispielsweise hinsichtlich remote Usability Tests. Für das Abdecken beider Bereiche, Funktionalität und Benutzerfreundlichkeit, waren zuvor zwei unterschiedliche Dienstleister notwendig. Funktionale Tests sind leichter durch Offshoring zu realisieren, sofern die nötige Soft- und Hardware verfügbar ist. Usability Tests erfordern jedoch spezifische Zielgruppen, die wiederum von einem anderen Dienstleister zur Verfügung gestellt werden müssen. Mithilfe von Crowdtesting können nun beide Bereiche durch einen Dienstleister abgedeckt werden. Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass Crowdtesting nicht genutzt werden sollte, um den gesamten Testprozess auszulagern. Crowdtesting ist keine Alternative zu bestehenden internen Prozessen. Vielmehr handelt es sich um eine weitere Stufe der Qualitätssicherung, die aktuelle Probleme, wie den Zugriff auf sämtliche verfügbaren Geräte, adressiert.

Anwendungsfälle der jeweiligen Ansätze

Wie eingangs erwähnt, sind finanzielle Vorteile ein wichtiger Faktor für den Einsatz von Outsourcing. Mit dem reinen Ziel, Einsparungen vorzunehmen, ist Off- oder Nearshoring wahrscheinlich die bessere Variante, da Crowdtesting als Ergänzung und nicht als Ersatz zu bestehenden Testing-Methoden gesehen werden sollte. Vom Auflösen der internen Testabteilung ist deshalb abzuraten. Denkt ein Unternehmen hingegen darüber nach, zusätzlich in den Ausbau interner Testmöglichkeiten zu investieren, oder ist auf der Suche nach Optimierungsmöglichkeiten, ist Crowdtesting die richtige Wahl. Im Vergleich zum Aufbau eines eigenen, internen Geräte- oder Tester-Pools ist der Einsatz eines Crowdtesting-Dienstleisters beispielsweise deutlich günstiger. Neben den Kosten ist die Distanz ein Aspekt, der für die Auswahl des Anbieters ausschlaggebend ist. Ein Argument für den Einsatz von Nearshoring anstelle von Offshoring ist die geografische Nähe sowie dieselben oder ähnliche Arbeitszeiten wie der Auftraggeber, wodurch die Zusammenarbeit erleichtert wird. Gleiches gilt für den Crowdtesting-Dienstleister, der idealerweise im selben Land beziehungsweise in derselben Zeitzone eine Niederlassung hat.

Neben Kosten und Distanz spielt auch die spezifische Aufgabe, welche ausgelagert werden soll, eine Rolle. Seit dem Aufkommen des Offshoring-Modells in der IT-Industrie in den späten Neunzigern haben zahlreiche Unternehmen Erfahrungen gesammelt, welche Prozesse sich für Off- oder Nearshoring eignen und welche eher ungeeignet sind. Immer gleich bleibende Aufgaben, die genau definiert und sowohl einfach auszulagern als auch wieder einzubinden sind, kommen für Outsourcing sicherlich in Frage. Voraussetzung sollte dabei immer sein, dass die Qualität möglichst wenig leidet im Vergleich zur internen Abwicklung, da sich sonst Einsparungen nicht mehr rechnen. Die heutige Softwareentwicklung ist jedoch zunehmend geprägt von ständigem Wandel, immer schnelleren Iterationen und dem Bedarf an Flexibilität je nach Situation. Vor diesem Hintergrund bietet Crowdtesting die Möglichkeit, sowohl wiederkehrende als auch neue Aufgaben, welche intern nicht mehr abgebildet werden können, schnell und flexibel zu lösen. Die Gründe hierfür liegen in der ständigen Verfügbarkeit tausender Menschen mit unterschiedlichsten demografischen und professionellen Eigenschaften sowie einer Vielzahl an Endgeräten. Je nach Anforderung werden lediglich genau diejenigen Personen eingesetzt, welche für die aktuelle Herausforderung optimal geeignet sind. Damit können unterschiedlichste Anforderungen mithilfe optimaler Ressourcenallokation bedient werden. Dazu gehört das Testen auf unterschiedlichen Geräten durch Laien und/oder Experten sowie das Einholen von Feedback spezifischer Zielgruppen auch aus unterschiedlichen Ländern.

Neue Möglichkeiten durch Crowdsourcing

In den letzten Jahren hat die IT-Industrie einen Wandel von Offshoring zu Nearshoring und nun Crowdsourcing durchlaufen, wobei Letzteres noch am Anfang der Entwicklung steht. Begünstigt wurde diese durch die zunehmende Verbreitung und allgegenwärtige Nutzung internetfähiger und mobiler Geräte. Auch der soziale Wandel und die Akzeptanz von Online-Arbeit spielt hierbei eine Rolle hinsichtlich der Verfügbarkeit von Testern in der Crowd. Geprägt von deutlich höherer Flexibilität hinsichtlich der zu bewältigenden Arbeit kann man bei Crowdsourcing, in diesem Falle Crowdtesting, also von Outsourcing 2.0 als Weiterentwicklung erprobter Outsourcing-Modelle sprechen.

Quellennachweise

[1] [Localytics 2013] App User Retention Up by 10 %, Up Nearly 50 % on Android,

http://info.localytics.com/blog/localytics-app-user-retention-data (letzter Aufruf am 28.02.2014)

[2] [Crowdsourcing.org 2012] Whitepaper: Learning from the pioneers of offshore outsourcing,

http://www.crowdsourcing.org/editorial/learning-from-the-pioneers-of-offshore-outsourcing/20915 (letzter Aufruf am 28.02.2014)

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