Softwaretesten als Sportart oder wird Softwaretesten bald Olympisch?

Hallo Maik, den Softwaretesting World Cup (STWC) „The World Championship of all Softwaretesters, wie es offiziell so schön heißt, gibt es erst seit 2014 und ist deswegen noch nicht jedem Tester bekannt. Erzähl doch kurz wie der STWC abläuft, wer darf sich anmelden und welche Leistung muss im Wettbewerb abgeliefert werden?

Maik: Hallo Carlos, danke für das Interesse am STWC und die Chance, es einem größeren Publikum zu präsentieren.

STWC-Juror Maik Nogens

Der STWC ist lose an den Olympischen Spielen angelehnt. Es findet momentan alle zwei Jahre statt und wird online auf jedem Kontinent ausgetragen. Die kontinentalen Gewinnerteams werden von Diaz & Hilterscheid zum Endspiel nach Deutschland eingeladen und eingeflogen.

Der STWC steht jeden Tester und Testinteressierten offen. Wir haben sowohl Tester, die sich als Firmenteam anmelden, als auch gemischte Teams von verschiedenen Firmen. Einige Teams haben auch Mitglieder, die nicht primär als Tester arbeiten. Die Registrierung kostet 40 Euro pro Teilnehmer; das hilft uns einerseits mit den Kosten und reduziert andererseits auch die „No-Show“ Quote.

 Im STWC wird eine Software getestet und die Teilnehmer müssen einen Bericht abliefern. Wir geben dort sehr viel Freiheit, was und wie der Bericht abgeliefert wird; wir haben bisher von Worddokumenten bis zu Videos alles gesehen. Die Software ist üblicherweise eine reale, teilweise produktive Software, sodass alle berichteten Auffälligkeiten und Bugs einen konkreten Nutzen für die Softwarefirma liefern.

Und wie läuft die schlussendliche Ermittlung des Gewinnerteams?

Das Gewinnerteam wird auf den Agile Testing Days aus den 6 Kontinentalgewinnern ermittelt. Dafür steht auf der Konferenz ein Saal zur Verfügung, indem die Teams ihre eigenen Teamspaces einrichten können und auch ausreichend Platz für Zuschauer vorhanden ist. Beim STWC 2014 wurde das Endspiel auch live übertragen und gestreamt.

Die Bewertung sowohl der Kontinentalrunden als auch des Endspiels erfolgt mit einem Gremium aus Judges, das sind erfahrene Tester aus verschiedenen Industrien und Arbeitsweisen. Jedes Team wird von min. zwei Judges bewertet, wenn die Bewertungsunterschiede zu groß sind, wird es zusätzlich vom ganzen Judge-Team bewertet.

Wie sieht es eigentlich mit Preisgeldern aus oder anders gefragt: was bekommen die Sieger?

Die Gewinner der  Vorrunden erhalten ein Eintrittskarten für die Agile Testing Days; die Kontinentalgewinner erhalten zusätzlich ein gesponsortes Flugticket nach Berlin mit VIP-Shuttle-Service und Übernachtung in einem Hotel. Außerdem erhält jeder den “STWC Continental Award”. Für den dritten Platz der Finalrunde gibt es 1.000 Euro Preisgeld, der zweite Platz erhält 2.000 Euro und der Softwaretester Champion bekommt 3.000 Euro und den begehrten STWC Pokal.

Was für Software wird eigentlich getestet? Extra für den STWC mit Bugs versehene Programme oder Beta-Release von Softwareherstellern? Werden auch Apps getestet?

Bisher hatten wir fast immer Glück, eine „richtige“ Software für die Spieler bereitstellen zu können. Viele Software Hersteller haben erkannt, dass sie ihr eigenes Testing mit vielen hunderten, externen Testern ergänzen können oder sogar Aspekte testen können, die intern nicht möglich sind.

Auch für die Spieler ist es ein zusätzlicher Anreiz, zu wissen, dass jede Auffälligkeit, die von ihnen gefunden wird, einen positiven Einfluss auf ein reales Produkt haben kann und hat.

Du warst die letzten Jahre zusammen mit Matt Heuser die Global Jury des STWCs. Wie kann man sich eigentlich als Jury Mitglied für die Länder und Kontinente bewerben?

Grundsätzlich kann sich jeder über die Mail-Adresse info@softwaretestingworldcup.com als Jury-Mitglied bewerben. Bisher haben wir viel über Social Media gearbeitet. Über Nachfragen auf z.B.: Twitter haben sich Interessierte gemeldet. Andererseits investieren wir auch in Nachwuchsarbeit, d.h. einige der Spieler aus dem STWC 2014 sind dieses Mal die Kontinental Judges und werden als nächstes in die Global Jury aufsteigen.

Viele Firmen melden ihre Tester-Teams für den STWC an und die Finals werden medienwirksam auf den ATDs als Live-Stream übertragen. Entwickelt sich Softwaretesting damit zunehmend zu einer richtigen Sportart im Sinne eines E-Sports, vergleichbar beispielsweise mit den World Cyber Games (WCG) oder dem Electronic Sports World Cup (ESWC)?

 Ich glaube nicht, dass ein Event wie der STWC mit einer E-Sports-Liga vergleichbar ist. Es gibt zwar durchaus viele Parallelen zwischen E-Sports und STWC-Teams, so ist beispielsweise in beiden Bereichen ein hohes Maß an Teamwork, Koordination, Kommunikation und Vorbereitung erforderlich, und auch das Mitmachen in einer Community und die Aufmerksamkeit, die es für den Einzelnen generiert, sind ähnlich.

Allerdings wird beim E-Sports oft das gleiche “Testobjekt”, sprich das selbe Spiel gespielt. Damit ist das Spielfeld für alle Teams gleich, es gewinnt das Team mit den besseren Reflexen, der besseren Koordination oder Disziplin.

Beim STWC haben wir reale Software, oft von kommerziellen Anbietern. Wenn die Software getestet wurde, sind die Bugs, Verbesserungen, etc. bekannt. Die gleiche Version der Software erneut zu testen, also damit gewissermaßen zu “spielen”, würde die neuen Spieler zwingen, neue Bugs, etc. zu finden. Somit sind diese Teams nicht per se mit den Teams des ersten Durchgangs vergleichbar.

Andererseits gibt es genug Software in der Welt, die getestet werden kann. Deshalb wird beim STWC z.B. auch mehr Wert auf die Fähigkeit des Teams gelegt, die Bugs oder Verbesserungen gut genug zu kommunizieren, als auf die reine Bug Anzahl. So wird zumindest innerhalb einer Spielrunde sichergestellt, dass die Spielbedingungen für die Teams gleich sind.

Glaubst Du, dass Softwaretesting vielleicht sogar irgendwann einmal eine Olympische Disziplin werden wird?

Es würde mich sehr freuen, wenn die Gemeinschaft der Tester sich professionell weiterentwickelt und damit das Verständnis für Qualität für den Rest der Welt sichtbar macht. Wenn der STWC einen Beitrag dazu leistet, indem er Testern eine Bühne und einen Rahmen für eine grössere Sichtbarkeit und freundschaftlichen Wettkampf liefert, wäre meine Vision erreicht.

Wie ist die Interaktion der einzelnen Teams untereinander? Gibt es einen fachlichen oder sogar einen persönlichen Austausch? Wie ist der Community-Faktor?

Meine Intention, die ich mit dem Konzept des STWC verfolgte, ist in meinen Augen aufgegangen. Die Vielzahl der Blogposts rund um den STWC, die aus verschiedenen Perspektiven geschrieben sind (sei es als Spieler oder Judge) zeigt, wie sich Teams finden und vorbereiten, welche Strategie und welche Aufteilung sie vornehmen und auch, welche Verbesserungen oder Kritikpunkte die Tester haben.

Ein wunderbares Beispiel war auch das Finale vom STWC 2014. Während der aktiven Spielzeit hatten sich die Teams für eine chatbasierte Kommunikation entschieden, sicher punktuell auch, um nichts den Konkurrenten preiszugeben. Sobald aber der Schlusspfiff kam, war gingen die Teams aufeinander zu, um sich auszutauschen und zu fachsimpeln. Man hörte Gelächter und rege Diskussionen.

Das hat mich als Initiator gefreut, das die Idee eines sportlichen Wettkampf mit Spass, Training und Lernen so gut ausging. Am Ende kann unser Berufsbild „Tester“  davon nur profitieren, das wir professioneller nach Außen präsent sind.

Ist der Faktor Zeit extrem relevant bei dem Wettbewerb? Läuft alles unter massiven Zeitdruck oder bleibt immer auch genügend Ruhe für alternative Testvarianten?

Meiner Meinung nach reflektiert der STWC die moderne Arbeitsweise vieler Tester. Es muss mit ungenauen oder nicht ausreichenden Informationen in einer kurz bemessenden Testphase die bestmöglichen Informationen an die Entscheidungsträger geliefert werden.

Das wird im STWC auf die Spitze getrieben; die Zeit sind 3 Stunden; es ist oft nur vorab bekannt, ob es eine Web oder eine Mobile Anwendung ist und welche Aspekte ggf. nicht im Fokus sind (z.B.:  Stresstests auf einer öffentlichen Anwendung).

Andererseits kann das Team sich schon vorbereiten, z.B.: wie arbeiten wir als Team zusammen, wer kann was machen, wo haben wir Stärken, wie gehen wir damit um, wenn es eine Mobile Anwendung ist … und weitere Aspekte, die unabhängig von der Software beantwortet werden können.

Der Wettbewerb unterliegt natürlich formalen Regularien, und die Wettbewerb-Tests müssen auf eine Weise auch formal vergleichbar sein, im Sinne von Methodik und Dokumentation. Wie wichtig sind dafür Kenntnisse von amtlichen certified tester Qualifizierungen, wie z.B. ISTQB oder iSQI Zertifikaten, bei denen eben dies eine große Rolle spielt?

Im STWC haben wir uns bewusst dagegen entschieden, zu viel Formalismus zu erzwingen. Der STWC steht jedem offen, unabhängig von Zertifikaten. Wir erzwingen auch kein Berichts-Template und wir bewerten auch nicht die Anzahl der gefundenen Bugs.

Unsere einzigen „Anforderungen“ sind, das alles in Englisch ist (das ist global leider der kleinste gemeinsame Nenner) und dass die Berichte keine besondere Software zum Anschauen oder Lesen benötigen dürfen.

Im STWC sollten die Fähigkeiten des Testers entscheidend sein. Jemand, der sich weiterbildet und seine Fähigkeiten trainiert, wird genau wie im traditionellen Sport Vorteile gegenüber jemanden haben, der nicht trainiert. Formale Trainings wie ISTQB, BBST; informelle Trainings wie „Weekend Testing“ und „Testing Dojos“ oder auch andere Formen der Weiterbildung können hierbei natürlich helfen.

Dank Dir Maik für das Interview.

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