Übrigens …

Kolumne von Tanja Schmitz-Remberg und Werner Lieblang

Es war ein richtig bunter Herbsttag. Die Bäume waren farbenprächtig, der Himmel blau mit bewegten Wolken, und Jack genoss es, in seinen kräftigen Boots durch die Laubhügel auf den Bürgersteigen zu stapfen. Das war wohl das Kind in ihm.

Er lief ungestüm nach Hause, wo er auf Lisa traf, die etwas trank, was dem Duft nach Kräutertee war.

„Hi“, sagte sie, „wie war’s?“

„Prima, ein guter Tag. Ich habe viele Ideen ins Team gebracht. Du weißt ja, wir sind grad noch an diesem Auftrag für das Reiseportal ‚Flotte Ferien‘ dran. Da meine lieben Kollegen ihren Mund bei der Besprechung mit dem Kunden nicht aufbekommen haben, konnte ich alles anbringen. Und voilà – wir machen’s, wie ich es will!“

„Na, das klingt ja nach einem erfolgreichen Tag für dich. Doch wie war das für dein Team? Und für den Kunden?“

„Ach, die Kollegen waren sicherlich froh, dass ich diese unangenehme Stille durchbrochen und kreative Vorschläge angebracht habe. Der Kunde? Nun, der hat sich alles angehört, meine Sheets mitgenommen und einen Termin mit uns für nächste Woche vereinbart.“

„Also, dann bist du zufrieden und der Kunde auch. Toll!“ Lisa schaute Jack direkt an. Mit ihrer Erfahrung als Psychologin konnte sie an seiner Stimme erkennen, dass etwas nicht stimmte.

„Na ja. Simon, mein ältester Kollege, wirkte irgendwie verschnupft. Aber der ist eh launisch. Sarah war sehr still, aber die traut sich ja selten was. Und der Kunde? Kann ich gar nicht so richtig einordnen. Ich denke, es ist ein gutes Zeichen, dass er uns nächste Woche wieder sehen möchte, um zu checken, wie weit wir als Team mit unseren Aufgaben sind.“

Lisa rührte ihren Tee um. Sie fand es unglaublich, dass Jack in seiner Freude und Zufriedenheit mit sich selbst alle anderen so aus dem Blick verlieren konnte.

„Übrigens, wir müssen noch den Garten winterfest machen. Einige unserer Pflanzen sind winterhart, andere frostempfindlich, wiederum andere müssen dringend in den Keller zum Überwintern.“

Jack fühlte sich ein wenig aus seiner Zufriedenheit gerissen, doch pflichtbewusst fragte er: „Woher wissen wir denn, welche Pflanze was braucht?“

Lisa lächelte: „Naja, fragen können wir sie ja leider schlecht. Bei einigen weiß ich es, bei anderen nicht. Da müssen wir gut recherchieren, damit sie nicht aus Versehen kaputtgehen. Es sind ja doch sehr unterschiedliche Pflanzen.“

„Ja“, dachte Jack, „es wäre ja so viel einfacher, wenn sie alle die gleiche Behandlung bräuchten.“ Er öffnete sein Notebook und begann mit der Informationssuche. Nach einer knappen Stunde hatte er alle Fakten zusammen und wusste, was zu tun war.

Lisa schenkte ihm eine neue Tasse Tee ein. Sie war zufrieden mit ihrer psychologischen Lektion, die Jack seinen Fehler vor Augen hielt. „Und“, fragte sie, „was hast du gelernt?“

„Ich weiß nicht, wie Gärtner das hinkriegen“, seufzte Jack. „Jede Pflanze braucht eine unterschiedliche Behandlung. Das kann man doch nicht im Kopf behalten.“ Er sah Lisa an: „Ich bin ja so froh, dass die Handhabung meiner Mitarbeiter nicht so schwierig ist.“

Die Teetasse glitt Lisa aus der Hand und zersprang auf den Fliesen in tausend Stücke

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