Übrigens …

Kolumne von Tanja Schmitz-Remberg und Werner Lieblang

Jack mochte den Frühling; er liebte es, dass die Tage länger wurden. Dann schien die Sonne noch, wenn die Arbeit zu Ende war – ideal für einen Grillabend mit Freunden. Und für den nächsten Freitag hatte er genau das geplant: ein Treffen mit seinen Arbeitskollegen. Nur noch drei Tage bis dahin.

Zurzeit lief nicht alles glatt in seinem Team. Insbesondere seit Beginn des neuen Projektes spürte er den Stress. Niemand wusste, wie das neue System aussehen sollte und welche Funktionalität erforderlich war. Und niemand schien sich dafür verantwortlich zu fühlen. Seine Forderungen nach detaillierten Anforderungen wurden beiseitegewischt mit fragwürdigen Argumenten wie: „Wir werden unsere Wünsche detaillieren, wenn wir näher an deren Umsetzung sind!“ und „Wir müssen akzeptieren, dass Änderungen notwendig werden, denn die Welt um uns herum ändert sich so schnell“. All dieses moderne Zeug klang für ihn wie eine verrückte Idee. Wie kann man jemals ein gutes Produkt entwickeln, wenn niemand sich traut, Entscheidungen zu treffen? Wo waren die Zeitpläne, die Ressourcenanforderungen und die funktionalen Beschreibungen der Produkteigenschaften? Wie kann man erwarten, dass er als Entwickler gute Arbeit leistet, ohne diese Informationen?

All das war vergessen, als er das Haus betrat, das er mit seiner Mitbewohnerin Lisa teilte. Ein intensives Aroma von Vanille hing in der Luft. Lisa sah auf, als er ins Zimmer kam. Sie hatte sich auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt und las ein Buch. Eine heiße Tasse Tee stand auf dem kleinen Tisch neben ihr. „Rooibos Vanille“, sagte sie, als sie bemerkte, wie Jack tief den Duft einatmete. „Magst du auch einen?“

„Oh ja, bitte“, Jack atmete gut hörbar aus, „das brauche ich jetzt. Ich muss meinen Verstand wieder klar bekommen!“ Lisa sah ihn ruhig an. Sie wusste, dass Jack ihr sagen würde, was ihn bedrückte – das tat er immer. Und so erfuhr sie während der nächsten zehn Minuten alles über Jack Arbeitsfrust. „… und keiner meiner Kollegen wollte mich unterstützen!“, schloss er, „obwohl ich weiß, dass ich recht habe.“

„Das muss wirklich frustrierend sein“, sagte Lisa, „aber vielleicht ist ihre Art zu arbeiten gar nicht so schlecht, wie es sich anhört. Je später man Entscheidungen treffen kann, desto besser kann man doch bauen, was wirklich gebraucht wird, oder?“ Jack sah sie an und schüttelte den Kopf. Als Psychologin hatte sie überhaupt keine Ahnung von Software Engineering – das sah er jetzt sehr deutlich.

„Übrigens, ich habe deine Einladungen für das Barbecue am Freitag abgesendet“, sagte sie. „Ich bat um Rückmeldung bis Donnerstag, und ich fragte alle auch nach ihrem jeweiligen Lieblingsgrillfleisch.“ Jack lächelte sie dankbar an; er hätte es wahrscheinlich über all dieser Aufregung vergessen.

„Großartig“, sagte er, „ich werde dann mal gleich zum Metzger fahren und das Fleisch holen: 10 Steaks, 15 Hühnerschenkel und 20 Würstchen sollten reichen! Dann ist das schon mal gemacht.“

„Ja, gute Idee. Aber bist du dir sicher, wie viel Fleisch wir wirklich brauchen? Wir wissen ja noch nicht genau, wer kommt und auch nicht, was jeder am liebsten isst. Es wäre vielleicht eine gute Idee, mit dem Fleischeinkauf noch zu warten, bis wir die Antworten erhalten haben, oder?“ Lisa sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hatte er die Nachricht verstanden?

Jack dachte ein paar Sekunden über ihren Vorschlag nach. Jedem sein eigenes Lieblingsgericht – na klar! Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Ich kenne dich“, sagte er, „du versuchst mal wieder, mir eine Lektion zu erteilen, was?“ Lisa lachte. „Du brauchst keine Lektionen von mir, Jack. Wenn du Probleme hast, kannst du sie selbst lösen. Da bin ich ganz sicher.“

Natürlich konnte er das. Er ging in die Küche, um sich eine frische Tasse Tee einzugießen. Das Barbecue würde die richtige Gelegenheit sein, um sich die Unterstützung seiner Kollegen für seine Idee der Vorabspezifikationen zu holen. Kühles Bier und das jeweilige Lieblingsgrillfleisch würden allen zeigen, was für ein wertvolles Teammitglied er war. „Lisa, Lisa“, sagte er zu sich. „Du hast zwar keine Ahnung von Software Engineering – aber du weißt schon, wie Menschen ticken!“

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