Wie kann Crowdtesting den agilen Entwicklungsprozess unterstützen?

Immer wieder kommt es vor, dass Unternehmen sechsstellige Beträge in die Entwicklung eines Produktes, eine Marketing Kampagne oder den Imageaufbau stecken um dann festzustellen, dass vermeidbare Fehler in der frühen Phase des Entwicklungsprozesses zu enormen Budgetüberschreitungen oder gar dem finalen Scheitern des gesamten Projekts führen. Eines der beliebtesten Beispiele aus den letzten Monaten lieferte ein großer deutscher Schuhhändler, der sich mit einer intelligenten Idee aber einer schlichtweg undurchdachten Ausführung in die Schlagzeilen brachte. Bei dem Projekt ging es um die Verwendung von QR Codes auf Werbeplakaten mit dem Ziel interessierten Kunden den schnellen und unkomplizierten Kauf der Ware zu ermöglichen. Der Haken an der ganzen Sache: Wer mit seinem Smartphone einen QR Code scannt, möchte sich daraufhin nicht in einem Onlineshop wiederfinden, der nicht für mobile Endgeräte optimiert ist. Wenn darüber hinaus eine weitere App zum Kaufabschluss benötigt wird und dieser dann auf Grund von Fehlern im Bestellprozess nicht möglich ist, sind zufriedene Kunden schwer zu finden. Aus der Sicht eines außenstehenden Unternehmens stellt sich dabei die Frage, wie solch ein Fauxpas vermieden werden kann.

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Eine innovative Lösung – Crowdtesting

Die Ausrichtung auf Kundenbedürfnisse zählt heute zu den Topprioritäten in der Entwicklung von Produkten jeglicher Art. Dabei wird versucht den potenziellen Kunden so früh wie möglich in den Entwicklungsprozess zu integrieren. In der Regel geschieht dies durch direktes Feedback, das im Rahmen von Produkttests gewonnen wird. Testen war bisher ein sehr kostenintensives und aufwendiges Unterfangen, da es entweder unternehmensintern durchgeführt wurde und demzufolge Fixkosten verursachte oder eine Kooperation mit Anbietern für Labortests notwendig war. Oftmals wird, wie in unserem einleitenden Beispiel zu sehen, in der Entwicklungsphase auch ganz auf das Feedback der Zielgruppe verzichtet und nicht selten wird erst im Nachhinein deutlich, dass hier an der falschen Stelle gespart wurde. Im Bereich des E-Commerce, wo der Fokus nicht auf physischen Produkten liegt, sondern Software, Webseiten und mobile Applikationen im Zentrum des Interesses stehen, ist das Kosten-Nutzenverhältnis der herkömmlichen Testmethoden nur noch in den seltensten Fällen wirtschaftlich tragbar. Darüber hinaus sind neben den Kosten auch die fehlende Flexibilität und der zeitliche Aufwand Eigenschaften, die im naturgemäß schnelllebigen E-Commerce ein großes Problem darstellen. Auf Basis dieser Ausgangslage hat sich in den letzten Jahren das Testing as a Service (TaaS) etabliert und erfreut sich in zunehmendem Maße immer größerer Beliebtheit. Ein Verfahren, dass sich besonders im Bereich Kundenfeedback bewehrt, ist das sogenannte Crowdtesting. Bei diesem greifen Unternehmen auf einen Pool von tausenden Testern zurück. Hieraus können Sie anhand von bis zu 45 Datenpunkten, von Alter über Interessen bis hin zur verwendeten Betriebssystemversion, ein gewünschtes Testerprofil festlegen und so eine exakte Abbildung der eigenen Zielgruppe realisieren. Diese führt selbstständig einen beliebigen Test in natürlichem Umfeld durch, woraufhin die Erkenntnisse über eine Onlineplattform dokumentiert bzw. kommuniziert werden. Aktuell wird Crowdtesting in erster Linie für Usability Optimierung und Quality Assurance, sprich Bug Analyse genutzt und eignet sich hervorragend um mögliche Conversion Killer frühestmöglich zu erkennen. Der Automatisierungsfortschritt in diesem Verfahren führt seit kurzem dazu, dass diese Art des Testings direkt im agilen Entwicklungsprozess jeglicher IT-basierten Produkte und Dienstleistungen integriert werden kann.

Der Weg in die Herzen der Kunden Der agile Entwicklungsprozess zeichnet sich in erster Linie durch eine hohe Flexibilität aus. Diese ermöglicht es dauerhaft aktiv in die Entwicklung einzugreifen und das Produkt bereits in seiner Entstehung an neuste Erkenntnisse anzupassen. In Kombination mit schnellem und unkompliziertem Testen unter realen Bedingungen können auf diese Weise Produkte oder Anwendungen geschaffen werden, die exakt auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten sind. Was wünscht sich ein Kunde mehr, als eine sorgenfreie Bedienung und fehlerfreie Anwendung? Aus der Psychologie ist bekannt, dass vor allem die erste Nutzung einen entscheidenden Einfluss auf die wahrgenommene Qualität eines Produktes jeglicher Art hat. Bei starker Konkurrenz, wie sie z.B. im Bereich der Onlineshops vorhanden ist, kann durch kundenorientierte Optimierung up-front ein echter Wettbewerbsvorteil realisiert werden.

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Wo ist der Haken?

Zugegeben, die Realisierung von optimalen Voraussetzungen für beste Conversion und zufriedene Kunden klingt wie ein unbezahlbares Wunschszenario. Wie sieht es also mit den Kosten aus?

Crowdtesting wird über einen spezialisierten Partner abgewickelt, der über eine Onlineplattform den Zugriff auf seine Tester gewährt. Aus diesem Grund entsteht für Unternehmen, anders als beim In-House Testing, während des eigentlichen Testprozesses keine direkte Ressourcenbindung. Da die gesamte Kooperation über die Onlineplattform abläuft, werden auch keine hohen Aufwandskosten wie im Falle von Labortests notwendig, sodass Crowdtesting nicht nur flexibler und schneller sondern auch günstiger als herkömmliche Testverfahren ist. Um diese Methodik im Entwicklungsprozess einzusetzen, gibt es die Möglichkeit einmalige Tests zu kaufen oder ein monatliches Abonnement abzuschließen, bei dem beliebig viele Tests zu einem Festpreis durchgeführt werden können. Im Zuge eines vollständigen Entwicklungsprozesses stellt vor allem die zweite Variante eine ausgezeichnete Ergänzung dar. Dabei kann die Plattform des Partners viel mehr als externes Tool anstatt als standardisierte Dienstleistung verstanden werden. Die anhaltende Weiterentwicklung im Crowdtesting bestätigt diesen Trend und birgt großes Potenzial im Bereich des E-Commerce.

Kein Haken, aber Grenzen

Man könnte jetzt das Thema Crowdtesting in Verbindung mit dem agilen Entwicklungsprozess abschließen. Es ist hervorragend dafür geeignet, einfach, schnell, flexibel und im Vergleich zu anderen Testverfahren nachweisbar kosteneffizienter. Aber eine Frage stellt sich dann doch noch: wieso tut es dann nicht schon jeder? Eine universelle Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu finden. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, die hierfür verantwortlich sein können. Um nur einige zu nennen:

  • Fehlende Überzeugung von der Notwendigkeit des Testens,
  • Unwissenheit über die vorhanden Einsatzmöglichkeiten,
  • Kosten sind erst einmal leichter zu sehen als der Nutzen, etc.

Darüber hinaus ist der Fakt zu sehen, dass es sich um eine sehr junge Disziplin handelt. Hier müssen sich die Sporen verdient werden, um mit der so gesteigerten Bekanntheit weitere Nachfrage zu generieren. Dabei wird sich der Mehrwert von Crowdtesting vermutlich besonders im Entwicklungsprozess neuer Produkte bzw. Anwendungen entfalten. Was kann man also lernen? Schauen wir abschließend noch einmal zurück auf die Aktion des Schuhhändlers. Es handelte sich hier um ein Pilot-/Testprojekt in Zusammenarbeit mit einem etablierten Online-Zahlungsanbieter, weshalb der ein oder andere entgegnen könnte, dass mögliche Fehler einkalkuliert waren bzw. die komplette Aktion auch als umfangreicher Test verstanden werden kann.

Aber mit dem Wissen von weniger risikoreichen Alternativen wie Crowdtesting – ist es wirtschaftlich sinnvoll, potenzielle Kunden mit Fehlern zu konfrontieren und so Imageschäden und Verluste im Kundenstamm zu riskieren? Der Schuhhändler hätte im Endeffekt vermutlich einen geringeren Preis mit seiner Kampagne bezahlt, wenn er bereits in der Entwicklungsphase erstes Testerfeedback eingeholt hätte. Über die tatsächlichen Auswirkungen kann jedoch nur spekuliert werden. Was bleibt ist ein weiteres Beispiel, das den Nutzen von flexiblen Testverfahren wie dem Crowdtesting aufzeigt. Der Trend hin zur agilen Entwicklung definiert neue Anforderungen an Testing, die von den herkömmlichen Methoden nur noch schwer zu bedienen sind. Hier liegt die Zukunft im Bereich des TaaS, wobei sich speziell der Nutzen einer Crowd immer stärker offenbart.

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