Zeit für das Wesentliche

Kolumne von Richard Seidl

Zugegeben, dem Auslagern von Testaktivitäten – egal ob in die Nähe oder in die Ferne – stehe ich skeptisch gegenüber. Zum einen gehört zum „Testen“ und dem Drumherum derart viel Kommunikation, und die mag ich direkt, persönlich und laufend haben. Zum anderen bin ich vorbelastet. Denn in den Projekten, in denen ich damit in Berührung kam, strotzte es nur so vor Bürokratie, Verträgen und „wir brauchen hier und hier noch eine ‚definierte‘ Schnittstelle zur Kommunikation“.

Bei anderen war der Projekterfolg ganz anderen Ursachen zuzuschreiben, aber Offshoring im Test wurde gelobt, obwohl der Beitrag minimal war. Wie dem auch sei, die IT ist ja sehr gut darin, sich ihren eigenen Markt zu erhalten, und das darf auch jeder halten, wie er möchte. Einen Gedanken jedoch, der an das Thema angrenzt, finde ich umso spannender: der Umgang mit unserer Zeit und den wirklich wichtigen Dingen, sei es im Projekt, beim Testen oder auch privat. Wenn man aufmerksam ist, bemerkt man schon mal

  • Testanalysten, die beim Vorbereiten der Testdaten hunderte Datensätze manuell von einer Tabelle in die andere kopieren: klick, Strg+c, klick, Strg+v, klick, Strg+c, klick, Strg+v …,
  • Projektleiter, die in Word ewig an der Überschriftenformatierung herumdoktern (erstes Anzeichen ist meist, Seitenumbrüche mit einer Folge von Leerzeilen zu „gestalten“) oder
  • Test Manager, die tagelang an Testberichten zu Tests schrauben, an denen sie gar nicht wirklich beteiligt waren.

Alle haben eines gemeinsam: Sie könnten ihre Zeit für Wichtigeres verwenden. Nun kann der Grund für die „Beschäftigung“ mit diesen unwichtigen Dingen Unwissenheit sein, oder es wurde mehr oder weniger bewusst gewählt (Stichwort Prokrastination). Wie dem auch sei, die Zeit und das Geld, das hierbei manchmal verbrannt wird, erfordern Handlungsbedarf.

Was kann man tun? Ich habe an mir selbst und meinen Kollegen drei zielführende Optionen ausgemacht: Automatisieren, Lernen und Delegieren. Alle drei ziehe ich in Betracht, wenn ich bei mir, bei meinen Testern, Kollegen oder sonst jemandem „Beschäftigung“ feststelle. Hier exemplarisch ein paar Ideen:

Routineaufgaben automatisieren

Gerade bei der Softwareentwicklung haben wir doch alle Möglichkeiten offen. Testdatenmigration lässt sich schnell mit einem Skript erledigen. Sogar mit Bordmitteln oder freien Tools wie Makro-Rekorder, Automator oder diversen C/R-Tools lässt sich viel von dem Kleinkram schnell erledigen. Expertise dazu lässt sich im Team oder Projekt leicht finden. Allein das automatische Öffnen des Ticket- oder Testfall-Systems oder die automatisierte Übernahme von Testergebnissen sparen auf Dauer Zeit ein. Auch Aufräum-Skripts können Wunder wirken.

Umgang mit Tools lernen

Ein Werkzeug kann nur dann effektiv eingesetzt werden, wenn man es beherrscht. Das betrifft nicht nur unsere Testautomatisierungswerkzeuge und Entwicklungsumgebungen, für die ja sogar meist Schulungen angeboten werden. Es trifft auch auf Standardsoftware wie Word, Excel oder auch Windows selbst zu. Diese werden täglich verwendet, und viele können sie nicht bedienen. Mit Lernen ist hier nicht nur die Ausbildung in Form von Schulungen gemeint, sondern insbesondere die Tricks, Kniffe und Tastenkombinationen, die das Leben erleichtern. Diese kann man oft im Projektumfeld oder in Communities erfahren.

Delegieren an Mitarbeiter und Kollegen

Wir glauben viel zu oft, dass wir alles selber machen müssen, „weil die anderen das nicht können“ – aber das ist häufig falsch. Delegieren ist immer auch eine Frage des Vertrauens, zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern ebenso wie unter Kollegen. Von allen Optionen ist das sicher jene, die die meiste Überwindung kostet (darum tun es wohl auch die wenigsten), da hier die Kontrolle abgegeben wird. Aber über den Schatten zu springen – oder geschubst zu werden – und zu sehen, dass jemand anderer die Aufgabe auch mit einem guten Ergebnis in kürzerer Zeit abschließen kann, kann ein ganz neues Zusammenarbeiten fördern. Gerade hier stößt man oft auch gegen die Mauern der Prozessbeschreibungen: „Der Testmanager schreibt den Testbericht, so steht es im Prozess“ – auch wenn der Tester selbst vielleicht viel schneller und besser die Testergebnisse bewerten kann.

Delegieren – im Privaten

Im Selbstversuch habe ich letztes Jahr begonnen, gewisse Aufgaben aus dem privaten Bereich an einen VPA (Virtuellen Persönlichen Assistenten) zu delegieren. Dieser recherchiert dann z. B. verschiedene Themen oder auch günstige Preise für dies und jenes. Er sortiert Daten, Tabellen und Datenbanken, führt diese zusammen und ergänzt fehlende Informationen. Ordnet die Metadaten der MP3-Sammlung oder macht einfach nur Dokumente hübsch. Diese lästigen Aufgaben gebe ich gerne ab, und die Zeit, die ich dadurch gewonnen habe, ist den Preis allemal wert. Das sind nur ein paar Ideen, doch wenn man einmal darauf achtet, ist es erstaunlich, wie viele dieser vermeidbaren Zeitfresser man bei sich selbst und im Umfeld wahrnehmen kann.

In diesem Sinne: Beachten und eliminieren Sie sie, so dass Sie sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren können. Hier kommt dann die Fokussierung ins Spiel … aber dazu mehr vielleicht in einer anderen Ausgabe.

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